Der Kaventsmann
Seit einer Weile unterhalte ich mich mit dem anderen Mann an Deck. Ich habe ihn eingangs gefragt, was er hier mache, weshalb er auf dem Frachtschiff mitfahre.
„Ach, da kommen viele Sachen infrage und keine wirklich“, hat er mir gesagt, nachdem er eine quälend lange Zeit nachgedacht hatte. „Ich verliere mich wohl gerne. Könnte jedenfalls sein.“
Ich habe geantwortet, irgendeinen Grund gebe es wohl immer, auch wenn dieser Grund nicht immer erwähnenswert wäre. Anschließend hat er mich gefragt, welchen Grund ich für die Frachtschifffahrt hätte.
„Nicht der Rede wert“, habe ich erwidert. „Kurz gefasst: Es hat mich einfach interessiert und es ist eine schöne Methode, abseits der Wege durch die Welt zu kommen.“
Seitdem sprechen wir über manches. Der späte Nachmittag im Golf von Bengalen gleißt rotorange. Ein Viertelmondlächeln steht schon über uns. Kaum hört man die Wellen, so ruhig scheint das Meer. Wir sind noch nicht weit vor den Nikobaren, wo der Mann an Bord gegangen ist, obwohl der Zustieg so eigentlich nicht vorgesehen ist. Aber während ich mit ihm spreche, merke ich, dass er ein Mann ist, dessen Worte ihn auf jedes Schiff der Welt bringen könnten.
Mittlerweile reden wir über Filme. Offenbar sind wir beide begeisterte Cineasten. Jedenfalls bekennen wir uns, in unseren Kajüten an manchem Abend mehrere Filme hintereinander auf dem Laptop zu schauen. Der andere Mann erzählt mir später von einem fremdsprachigen Film, der ihm gefallen habe. Hier gehe ein Seemann an Land, um seine Mutter zu besuchen, doch er werde von Land und Leuten abgestoßen und wieder auf das Meer vertrieben. So jedenfalls lese er den Film. Ich merke tatsächlich, über welchen Film er spricht, wundere mich, dass außer mir noch jemand diesen Film kennt, vergewissere mich noch einmal, indem ich in das Gespräch einsteige. Es ist wahr. Er spricht wirklich über den Film, den ich auch kenne. Und da ich mich noch gut an den Film erinnern kann, obwohl ich ihn vor ein paar Jahren bei Freunden in Algeciras gesehen habe, stimme ich ihm zu. Seine Deutung leuchte mir ein.
„Nicht wahr?“, sagt er. „Aber wie ich darauf gekommen bin: Wir sitzen an Bord eines Frachters. Da kommen solche Erinnerungen natürlich hoch. Und dieser Mann – und das ist das, was ihn ausmacht – der wird den Frachter nicht los, selbst wenn er an Land geht.“
Ich nicke leicht abwesend, während ich in die langsam dunkler werdenden Schattierungen der Wellen blicke.
„Ich meine, der Mann schläft sogar in einem Frachter, nachdem er von Bord gegangen ist, also an Land. Er könnte überall übernachten, aber er wählt einen alten, ausrangierten Frachter aus.“
„Daran kann ich mich nicht erinnern“, gestehe ich ihm.
„Doch, doch“, setzt der andere nach. „Sofort, nachdem er das Schiff verlassen hat. Die erste Nacht, die verbringt er in diesem Frachter.“
„In der Stadt?“
„Ja, in der Nähe der Stadt wenigstens. In Hafen- oder Meernähe, aber im Stadtgebiet, nehme ich an.“
Ich schüttle den Kopf. In meiner Erinnerung ist das ein Bus gewesen, sage ich ihm. Allerdings sei ich auch nicht sicher. Für mich habe es damals jedenfalls wie eine Buskabine ausgesehen. Seitdem seien jedoch auch ein paar Jahre vergangen. Nein, nein, meint der andere, es sei bestimmt ein Frachter gewesen, worauf ich verstumme. Wir fahren mit unserem Gespräch fort, wobei ich mir immer mehr Pausen genehmigen kann, weil der andere seine Ansichten zu unzähligen Filmen mit mir teilt. Wiederholt aber schafft er es, auf die Szene hinzuweisen, in der der Mann im Frachter schläft und aufwacht. Ich staune über die Gewandtheit, mit der der andere scheinbar mühelos und auf kaum durchdringlichen Pfaden von etwas völlig anderem wieder auf die Szene im kleinen Frachtschiff zu sprechen kommt. Schließlich versuche ich, möglichst höflich, noch einmal einzuwenden, der Mann habe meines Erachtens in einem Bus geschlafen.
„Wie dem auch sei“, erwidert der andere. „So wichtig ist es ja nicht.“
Den Rest des Gespräches tauschen wir uns freundlich über unsere bisherigen Reisestationen aus. Als die Nacht hereinzubrechen scheint und der Wind kälter wird, verabschiedet sich der andere nach innen. Er wolle zu Abend essen. Ich bleibe noch ein wenig draußen. Eine halbe Stunde später knurrt auch mir der Magen. Ich gehe über die Planken im Boden, durch die ein Spalt in den Schiffsrumpf führt und hier wieder irgendwo ein Spalt oder eine Röhre, immer tiefer hinab, bis zuletzt der dunkle Ozean um sich greift. Im Speiseraum sitzen ein paar der Crew und nicken mir zu. Sie wechseln untereinander heute wenig Worte. Es herrscht gedrückte Stimmung. Mein Bekannter hat aufgegessen, doch er sitzt noch im Raum, blickt auf seinen Laptop. Er wartet höflich, aber gespannt darauf, dass ich meinen Reis aufgegessen habe. Dann kommt er zu mir, dreht den Laptopbildschirm und zeigt darauf.
„Ich habe die Szene mal angehalten“, sagt er wie beiläufig. „Ich habe die Szene erst durchlaufen lassen und die beste Stelle angehalten. Hier sieht man sehr gut, dass er in einem kleinen Frachter sitzt. Warum sonst sollte das Fahrzeug auch so nah am Meer sein?“
Ich schaue mir das Bild an. Der Protagonist sitzt hinten in der Mitte. Vor ihm befindet sich ein kleiner Durchgang. Zu allen sichtbaren Seiten umringen zerschlissene Sitzreihen diesen Durchgang. Links hinten führt eine Treppe, halb sichtbar, hinab. Über den Sitzreihen zeigen Fenster nach draußen. Der Raum ist schmal, etwa drei bis vier Meter breit. An der Decke sind Haltestäbe angebracht.
„Für mich…“, beginne ich vorsichtig, „sieht es aus, als könnte man sich da oben während der Busfahrt festhalten.“
Der andere kneift die Augen zusammen und schaut hin. „Festhalten kann man sich auf See auch. Und das ist vielleicht sogar wichtiger. Der Bus kann immer willkürlich anhalten und ein kleiner Frachter ist an das Wasser gebunden.“
Ich wiege den Kopf schwach hin und her. „Der Raum ist sehr klein. Viele Waren kann man darin nicht befördern. Für einen Frachter ergibt das keinen Sinn.“
„Ach…“, macht er. „Es gibt Nachfragen in allen Mengen. Und wenn der Frachter nur zwischen Berlin und Potsdam liefert.“
Ich setze leicht verärgert hinzu, dass sicherlich nicht zehn, fünfzehn Besatzungsmitglieder nötig seien, um die wenigen Waren ein- und auszuladen. Es gebe jedoch Sitzplätze für so viele Menschen. Mein Bekannter schlägt vor, auf den Sitzplätzen könnten auch zerbrechliche Waren fixiert werden. Und überhaupt sei nicht gesagt, dass kein Unternehmen so viele Menschen für eine überschaubare Warenmenge anstellen würde. Es müssten außerdem nicht zwangsläufig alle Plätze besetzt sein.
„Hier sieht man deutlich eine Art Treppe“, sage ich und zeige auf die Stelle im hinteren Bereich. „Sie führt nach unten und scheint in einer Tür zu enden, auch wenn man sie nicht sieht. Das ist sehr unüblich für Schiffe, deren Gehfläche ja in der Regel etwa auf einer Höhe mit einem Steg oder einem Ufer liegt. Man gelangt dann über eine Planke oder Brücke darauf. Oder auch per Sprung. So wie wir auf diesem Frachtschiff über eine Brücke gegangen sind.“
„Ja, und wer sagt, dass die Treppe da nicht raus aufs Deck führt?“
„Also umgibt ein Deck diesen Raum?“
„Genau, und dann kann man sogar überlegen, ob die Fracht nicht unter Deck zu finden ist. Dann ist der Raum, den wir sehen, nur für die Besatzung. Und der Frachter ist doch nicht klein, sondern mittelgroß oder sogar sehr groß.“
Ich erwähne, die Perspektive würde durch die Fenster nahelegen, dass sich der sichtbare Raum nur wenige Meter über der Erde befindet. Es könne also nur sehr schwer ein großer Innenraum darunterliegen.
„Joa, dann wurde das Unterdeck vom sichtbaren Raum getrennt. Es ist ja ein alter Frachter. Vielleicht wurde er verschrottet.“
„Aber warum braucht man einen Raum auf dem Oberdeck, in dem so viele Leute der Crew sitzen können?“
Vielleicht gebe es unten nur Platz für die Fracht, ist die Antwort. Und das oben sei vielleicht die Kommandobrücke. Man sehe nur nicht die Schaltzentrale, sondern eine Art Anhang. Hier könnte man beisammensitzen, möglicherweise, um ein bisschen Gesellschaft zu haben, Karten zu spielen oder sonstiges. Ich entgegne, für einen Verweilraum sehe der Raum meiner Meinung nach zu trostlos aus.
„Bei der Verschrottung sind auch die Tische und solche Sachen herausgenommen worden. Die kann man bestimmt schön wiederverwenden.“
Ich setze zu einer Antwort an. Doch bevor wir weiterreden können, kommt ein Seemann in unseren Raum gerannt und schreit. Alles drängt nach draußen, hinaus in die finstere Nacht, wo Rußwolken tief über dem Meer aufwallen. Spitze Schreie, Fingerzeige, aller Augen nach Backbord. In einigen hundert Metern türmt sich eine Welle auf, hoch wie ein Wolkenkratzer, breit wie der Horizont. Schon steht mein Bekannter neben mir. Er klopft mir auf die Schulter, als Tropfen wie Geschosse auf uns prasseln. Es sei nur ein sehr dichter Sprühregen. Den gebe es um diese Jahreszeit oft hier auf den Britischen Inseln. Es sei also nicht ungewöhnlich. Derweil klatschen die Vorboten der nahenden Welle auf das Oberdeck. Ein Wasserschwall erfasst uns und wirft uns beide krachend in die Reling. Meine Sicht schwimmt. Ich kämpfe gegen Kräfte von überallher an. Zu meiner Linken sehe ich meinen Bekannten. Er strauchelt in den Stand, indem er sich am Geländer festhält. Dieses bricht aus seinen Angeln und liegt ihm zu Füßen. Dahinter schwappt der Ozean. Mein Bekannter breitet die Arme aus, zuckt mit den Achseln. Ein heftiger und hartnäckiger Sprühregen sei es, ruft er, wie er ihn schon zigmal erlebt habe. Ein kräftiges, belebendes Schäuerchen, bald vorbei und kein Grund zur Sorge!
Was soll ich sagen? Natürlich will ich ihm Glauben schenken. Wer würde das nicht? Und doch denke ich irgendwo: Ein ehrliches Ertrinken hier und jetzt, es könnte schlimmer sein.