Mohn
Karmesintupfer landen auf dem frisch gesäuberten Boden. Sie werfen ihre gewölbte Oberflächenspannung keck auf. Ein Hammer in der Hand. Stille im Gang. Neonröhren spenden fahles Licht. Der leblose Körper prallt dumpf auf. Die Tupfer zerfließen in einer jähen Blutflut. Ein laminiertes Namensschild liegt halb versunken darin, lauert zwischen Schädelsplittern: Line Benrath.
Als er, zerrüttet und verstört, die Augen öffnete, wollte Anton Brückner nach seiner Frau rufen. Doch sie war, so erinnerte er sich, vor zehn, nein, elf Jahren gestorben. Den Rest der Nacht starrte er durch die Düsternis an die schwach erkennbare Decke und versuchte, den fürchterlichen Traum wegzuwischen.
Frühmorgens stand er unter knackenden Gelenken auf und machte sich an die Arbeit. Derzeit übersetzte er zum dritten Mal El Sur von Borges. Das Omen am Anfang („lanceado por indios de Catriel“) hatte ihn vor sechzig Jahren nachhaltig beeindruckt. In einem Artikel hatte er seinerzeit auf die der Einleitung inhärente Todessehnsucht Juan Dahlmanns hingewiesen und die Schicksale der beiden Dahlmanns als ironischen Parallelismus skizziert. Der jüngere Dahlmann war nur ein Abklatsch des Großvaters, ein Anachronist wie Don Quijote, der das Abenteuer suchte und nur eine Bahnstation in der Pampa und drei betrunkene Kerle fand. Eine Wiederkehr in der entzauberten Moderne. Der Urgewalt nebulöser Eingeborener entsprach für den jüngeren Dahlmann die jämmerliche Überlegenheit dreier Herumtreiber, ein Abstieg vom Epos in die Prosa.
Im Lichte der Abenddämmerung, das feurig hinter dem Domturm aufbrach, blätterte Brückner durch die Ficciones. Seine Augen blieben an einem kryptischen Gemisch aus Druckformen hängen. Er blätterte zurück.
Während wir schlafen, sind wir auf der anderen Seite wach, sodass jeder Mensch zwei Menschen darstellt, dechiffrierte er eilig und gefror. Das schwache Herz pochte unregelmäßig.
Der Hammer schießt lautlos herab, aus der Deckung. Ein zopfgeschmückter Hinterkopf birst. Feuchtigkeit dringt durch die geflochtenen braunen Haare, zunächst zaghaft, dann final. Der Ellbogen wird überstreckt, der Aufprall ist hart, unerbittlich, unumkehrbar.
Anton Brückner erwachte und krümmte sich in seinem Bett. Ein unergründlicher Ekel befiel ihn. Es schauderte ihn. Solch bestialische Alpträume, woher? Nie hatte er gefehlt, in dreiundneunzig Jahren nicht. Nach dem unseligen Krieg hatte er rasch studiert. Einer abenteuerlichen Partnerschaft folgten eine glückliche, treue Ehe und ein gesetztes Leben in der Hauptstadt. Regelmäßig wurden seine Beiträge in einschlägigen Fachzeitschriften und Sammelbänden publiziert. Den Mitmenschen begegnete er unvoreingenommen und mit zurückhaltender Heiterkeit. Noch heute war er auf Tagungen in der ganzen Welt unterwegs, wenn er auch altersbedingt die meiste Zeit in Österreich verbrachte. Und auch in diesem Semester hatte ihn die Universität Wien wieder bekniet, ein Seminar abzuhalten. Der liebe Gott hatte seine Redlichkeit mit Erfolg und Gesundheit vergolten. Und doch fühlte sich Anton Brückner im betagten Alter zunehmend, als würden wuchswütige Knospen in ihm zurückgedrängt.
In der Nacht ragt ein Hinterkopf mit Flechtzöpfen vor ihm auf. Seine Hand schwingt einen langen Gegenstand mit schwerem Haupt in die Höhe. Das bleiche Licht der Neonröhren setzt weiter hinten im Gang aus. Gleich: der Einschlag.
Ein Aufschrei fuhr donnernd in die Stille der Nacht. Schweiß und Tränen sickerten in das Bettlaken ein. In den nächsten Tagen versagte er sich häufig den Nachtschlaf, zog sich bis zum frühen Morgen in sein Universitätsbüro zurück, wurde zunehmend fahrig in der Abhaltung seines Seminars. Einstweilen übermannte ihn jedoch die Müdigkeit, entführte ihn ins Alter Ego. Er erinnerte sich bei einem Spaziergang im Schlosspark: Es gab verdorbenes Blut in seiner Familie. Ein Großonkel, ein gewisser Moosbruckner, hatte vor Ewigkeiten eine Prostituierte ermordet. Ein unzumutbarer, ein schändlicher Gedanke! Trost bezog Brückner nur aus der Rückschau. Diese Rechtschaffenheit von Jahrzehnten, sein Trumpf in dieser marternden Lebenslage. Da war eben ein Bizarro-Ich auf der anderen Seite. Konnte es ein rechtschaffenes Leben auslöschen?
Später im Büro überflog er einen Gastbeitrag für einen kommenden Sammelband. Bei der Hälfte entglitt ihm das Bewusstsein. Es übergab sein Regiment den Untiefen der Speichermedien. Kurz hatte er Angst, fürchtete sich vor diesem Porträt, das ein Teufelsmaler ihm in den Schlaf malte. Bald aber schlief Anton Brückner ein, den Kopf auf seinen Schreibtisch gebettet.
Es ist totenstill, während sie den Sarg hinablassen. Das Erdenreich ist ein Reich der Stille. Die Einerdung soll der Toten zuliebe in andächtiger Stille vollzogen werden. Adaption! Stumme Tränen harren dem Moment ihrer Befreiung in den verschlossenen Säckchen. Anton Brückner weint nicht, derweil er sieht, wie der versiegelte Körper seiner Frau im Erdloch versinkt. In seinem Gesicht triumphiert gemessene Würde.
„Kaum Traum, mehr Erinnerung“, murmelte Anton Brückner.
Die Studenten stutzten beim Notieren, sahen sich auch in der Unterhaltung gestört.
„Das Ludische in Cortázars Sprache vermischt Traum und Erinnerung, Vergangenheit und Gegenwart, Illusion und Wirklichkeit“, fing er sich rechtzeitig und fuhr an diesem Punkt fort.
Nachfolgend ereilten ihn immer häufiger Träume, schöne und scheußliche, Rückführungen in die Biographie. Chico, der Familienhund, zappelt, keucht in den Fluten des Arno und er, sechzigjährig, schwimmt hinaus, bekommt eine Pfote zu fassen, zieht den apathischen Jack Russell ans Ufer. Rotarmisten werben ihn an, Mitgefangene zu denunzieren, mit der steif vorgetragenen Aussicht auf eine frühzeitige Entlassung. Er schlägt das Angebot aus, schuftet in einem Lager in den Karpaten. Zwei junge Offiziere vergewaltigen ein slowakisches Mädchen bei Košice. Sie rufen ihn heran, necken ihn wegen seiner Scheu. Er wendet sich ab, meldet die Offiziere beim Hauptmann. Sie landen im Militärgefängnis. Das Mädchen stirbt an den Verletzungen. Ein anderes Kind lässt einen Zinnsoldaten beim Schaukeln fallen. Der kleine Anton hebt ihn auf, rennt dem Jungen nach. Freudestrahlend greift der Junge nach dem Spielzeug. Eine bis 1938 währende Freundschaft beginnt.
Das Phantastische hatte Anton Brückner stets einen grenzsprengenden Weg aus den starren Linien der spröden Diesseitigkeit eröffnet. Von den homerischen Epen über Shelley und Poe, von den Märchen der Gebrüder Grimm über die Werke Hoffmanns, Tiecks und Tolkiens bis hin zu den magischen Realisten Lateinamerikas verehrte er die abseitigen Blicke, doch wahrhaftig geglaubt hatte er nie an die mögliche Wirklichkeit des Übersinnlichen. Es war eine Spielerei, eine Flucht vor Grausamkeit und Langeweile gewesen. Im Herzen löste er sich nie von der unbedingten Wissenschaftlichkeit des Universums und einem halbherzigen Gottglauben. Spielte ihm vielleicht der unterdrückte Grenzgänger, der sich zwar in Muße und Beruf toleriert sah, sonst aber rigoros vom Joch des Realismus unterdrückt wurde, einen Streich?
Eines Abends saß Anton Brückner auf einer Bank zwischen den Zwillingsmuseen. Er stützte sich auf seinen Gehstock. Der dunkle Vorhang der Nacht kroch behäbig über Wien. Gräser raschelten leise im Wind. Herbstblätter fielen eilends und unerschöpflich zu Boden.
Brückner grübelte.
Zweimal ich, eins hier, eins drüben. Ist ja spinnert. Dann die Träume der letzten Nächte, einer wahrer als der andere. Passt nicht. Etwas Falsches gegessen. Zu lange gelesen. Lass dich nicht verrückt machen von so einem Aphorismus! Das ist alles witzig dahergeschrieben. Grusel ist was für die Kinder, nicht für mich Greis.
Darüber schlief er ein, dachte im Dösen: Können wir von früher denn je harmlos sein?
Urlaub mit den Eltern in der Steiermark. Eine Schabe auf dem Küchenboden. Wenn er nun die Schabe zerquetscht? Da huscht das schwarze Undefinierbare vielfüßig über seine Handfläche. Zudrücken! Überlebt sie? Bin ich stark? Er setzt das Insekt auf den kalten Steinboden, hebt die Faust. Knirschende Knöchel. Seine Hand faltet sich auseinander, hebt die Schabe auf, setzt sie im hohen Gartengras aus.
Anton Brückner fuhr wissend hoch. Er hatte seine Tasche im Büro vergessen. Ein lauer Abendwind streichelte ihm über die dünnen Wangen. Die Türme des Rathauses thronten über der herbstschwülen Ringstraße. Die Stadt roch faul.
In der Universität fand eine Tagung statt. Im Westflügel wimmelte es von Menschen. Der Gang, in dem sich sein Büro befand, war dagegen beinahe verlassen. Eine Putzfrau säuberte den Boden. Brückner krächzte einen Gruß, stolperte über einen Werkzeugkasten.
„Gott im Himmel!“, rief er, indem er sein Büro betrat.
Die Tasche mit den Wertsachen war noch dort. Er setzte sich kurz in den alten Ledersessel, atmete tief durch. Ihm war nicht wohl. Als er in den neonberöhrten Korridor zurückkehrte, war die Putzfrau fort. Die Lampen flackerten. Er erschrak. Eine Studentin mit Flechtzöpfen kam ihm entgegen. Sie trug ein laminiertes Namensschild.