Luzifers Schandtaten

Es war einmal eine Stadt im Herzen einer großen Insel.

Ihre zu gleichen Teilen strahlende wie grauenerregende Geschichte hatte ihr beispiellose Reichtümer und Technologien vermacht. Vor einigen Jahrhunderten hatte man die Barbarei der Vergangenheit abgestreift. Wo zuvor Horden mit Knüppeln die Insel unterworfen hatten, erfand man im Jahr 0 die Alchemie, verfeinerte das Waffenarsenal und schuf Hilfsmittel aller Art, um von den Häfen aus die halbe Welt zu erobern. Erst brachten Kriegsgefangene auf mehrmastigen Schiffen Lasermaschinen auf das Festland, dann fuhren die Schiffe von alleine. Bald umsponnen sekundenschnelle Flugspeere den Planeten. Auch heute noch zogen sie am Himmel als unerreichbar ferne Trabanten ihre Bahnen, derweil die alten Züge weiterhin mit Mach 1 durch die unterirdischen Tunnel um die Welt schossen. Die Eroberungszüge von einst waren nur noch eine blasse Erinnerung. Wo nicht vereinzelt in der unzivilisierten Ferne Kriege aufbrandeten, herrschte Frieden vor.  Der Warenverkehr brachte nun mehr Waren in die Erdflecken, als jemals gebraucht worden wären. Und nach jedem der schweren Unglücke gedachte man der Opfer, wobei der Stadtrat den Angehörigen aufrichtig kondolierte.

In dieser glänzenden Stadt hatte man die gefährlichen Ideologien früherer Tage bannen können. Heutzutage hatte man ein scharfes Gemüt und die fanatische Anbetung von Prinzipien nicht nur als unschicklich, sondern als bedrohlich erkannt. Hier glaubte niemand mehr an die Mär der Meinungsgüte. Und so kam es nicht zu Konflikten, sondern zu nur subkutan brennenden Meinungsverschiedenheiten mit einem immer friedlichen Ausgang, der auf beiden Seiten den Eingangspunkt intakt ließ. Starke Gefühle gegen die Außenwelt wurden in Einzelteile atomisiert und oft dekorativ verschlungen in homöopathischen Dosen in jedem zweiten Satz untergebracht, um spitz, aber nicht zu tief zu verwunden. Kaum einer maßte sich an, sich vor den anderen zu exponieren und Stress zu verursachen. Nur selten, kaum einmal alle zwei Wochen, ging es mit einem durch und er schnappte sich eines der Lasergewehre, um sein Leben auf einer großen Menschenjagd zu beenden.

Um die harmonischen Verhältnisse zu erhalten und positive Veränderungen anzustoßen, hatte der Stadtrat unter Bürgermeisterin Innert nach Jahren der sorgfältigen Abwägung im Jahr 826 s.P. eine Annonce in allen möglichen Medien aufgegeben. Man suche, so hieß es in der Beschreibung, „einen der Entscheidung nicht abgeneigten Unterhändler, der mit schonender Durchsetzungskraft und gebührender Wirksamkeit wichtige Entwicklungsprozesse begleitend leitet“. Hierauf boten eine Vielzahl von Kandidatinnen und Kandidaten aus der Stadt und von außerhalb ihre Dienste an. Der Stadtrat ließ sich von siebenundzwanzig Anwärtern überzeugen und rief ein Gremium ins Leben, das nunmehr die gesamte Organisation des Stadtverbandes beobachten und optimieren sollte.

Nach einem vorsichtigen Abtasten hatten sich die Mitglieder des Gremiums bald auf ein schiedlich-fruchtbares Patt geeinigt. Man wahrte selbst in den empfindlichsten Themen die Fassung, indem sich Reibungen in Worten verloren, die sich keine verstopfte Straße teilen mussten. Die meisten Gremiumsmitglieder waren sich insgeheim einig, dass angesichts vieler anderweitiger Verpflichtungen ohnehin kaum Zeit dafür vorhanden war, alle widersprüchlichen Punkte zu reflektieren und Lösungen zu zerdenken. Eine derartige Verkopftheit hielt man für den größten Vereitler glücklicher Prozesse. So wurden immerhin keine falschen Beschlüsse gefasst und man konnte sicher sein, dass das, was die Bürohallen des Gremiums verließ, dem Bürgerfrieden dienlich blieb. Der Stadtrat registrierte dies nach einer Weile und besprach höflich, wie sich diese leichten Hindernisse in der Entwicklung von ergebnisorientierten Initiativen beseitigen ließen. Nach etwas Bedenkzeit kamen Bürgermeisterin Innert und ihre Kollegen vorerst überein, dass den Dingen schlicht Zeit gewährt werden müsse.

Dem Gremium fehlte es indes keineswegs an Einfällen. Vielmehr steckten sich viele Mitglieder die eigenen Vorstellungen in den Kurzpausen zwischen den Planungssitzungen gegenseitig durch und man setzte seine Nächsten am Kantinentisch über die Mängel dieses oder jenes Einfalls der anderen in Kenntnis. Man beugte jedoch der Diskriminierung vor, indem alle Einfälle durch das kakophonische Nebeneinander im weiten Kantinenraum ihrer Mängel überführt und somit dialektisch eingemacht wurden. In dieser allgemeinen Harmonie fand auch das neue Gremium die Zeit, nach Unglücken Abgesandte in die Krankenhäuser und auf die Friedhöfe zu schicken und angemessen zu kondolieren.

Eines Nachts ergriff aus heiterem Himmel ein Sturm die Lande. Zwischen den glattpolierten Kuppeln der Hauptstadt zischte ein gewaltiger Wind hindurch. Er fegte mit Leichtigkeit die schaumgedämmten Häuser des pittoresken Nordviertels gegen die Stadtmauer, deren altes Gestein barst und unter dem Druck ins Tal fiel. Vom rußschwarzen Himmel stürzten Blitze herab, blieben im versengten Boden als Lichtsäulen stecken, ehe sie sich langsam verloren. In der Ferne noch, weit in den Horizont hinein, hingen sie wie ein Geflecht aus Schnüren zwischen Himmel und Erde.

Als das Unwetter einstweilen ruhte, bat ein Händler von der Küste am Stadttor um Einlass und Schutz. Mehrmals blieb das Tor verschlossen, bis die vierte Bitte Erfolg hatte und der Händler seinen beschädigten Wagen hineinschieben konnte. Darauf lag ein Mann, dessen wilde Haare stellenweise wie Hörner abstanden. Er regte sich nicht, war bewusstlos.

„Den armen Tropf hab ich gefunden und unten im Feigenhain aufgelesen“, erklärte der Händler, derweil der Tag in seinem Rücken anbrach. „Der Blitz ist in ihn gefahren, so wie ich es gesehen hab. Jedenfalls lag er so seitlich da, halb im Schneidersitz, tief in der verkohlten Erde, wo der Blitz niedergegangen ist. Er ist noch warm, auch wenn’s natürlich noch vom Blitz sein könnte. Das Herz tut’s aber noch, wenn ich nicht ganz blöd bin.“

„Bei dem Wetter wär der Zug auch eine Wahl gewesen“, sagte die Wächterin.

Der Händler zuckte mit den Achseln. „Ich mag es lieber, das Treiben im Licht zu sehen. Und wenn es nur die Sterne sind. Und je langsamer ich mich bewege, desto mehr kann ich sehen.“

Die Wächterin beäugte den Händler wie ein leidlich spannendes Zootier.

Mit einem Fingerzeig zum Ohnmächtigen setzte der Händler hinzu: „Und es hat sich ja vielleicht sogar ausgezahlt. Wenn nicht für mich, dann für ihn. Der wär sonst nicht mal auf halbem Huf hier reingestolpert, wie man bei uns drüben sagt.“

„So kann man das natürlich auch sehen“, sagte die Wächterin mit einem Lächeln, das kurz vor den Augen Halt machte.

Der Händler brachte den Versehrten vormittags ins Krankenhaus am Marktplatz, wo er bald erwachte, sich wand und im Bett zusammenkringelte. Ein Krankenpfleger trug seinen Namen, Luzifer, in eine Akte ein, tastete ihn mit festen Händen ab und vermerkte: „Prellungen und Sturztrauma.“ Man nähte ihm noch den Kopf ringsum und ließ ihm dann seine Ruhe.

In den kommenden Tagen wurden wechselnde Patienten auf die zwei Dutzend Gitterbetten gelegt und wieder fortgebracht. Man operierte hinter dünnen Laken. Zur Anregung des Immunsystems verband man mit alten Mullbinden, zur Antibiose verabreichte man intravenös scharfen Alkohol in kleinen Dosen. Nachdem Luzifer eine Operation in der geprellten Seite mit Nachdruck abgelehnt hatte, fand er eine zerdrückte Nalombiblume in der Hosentasche und setzte sie ins Trinkwasserglas neben sich, wo sie trocken hinunter in die sonnige Stadt sah und alsbald verschied. Draußen auf dem Platz, dicht beschattet von den azurblauen Pilzkuppeln, begann einer wieder sein Werk, nahm seinen Laser längs in beide Hände und feuerte in eine Menge obdachloser Kinder. Zwei starben, eines traf der Laser ins Auge und verletzte es schwer, ehe ein Wächter seinen Laserknüppel ins Gesicht des Schusswütigen schleuderte.

Das Mädchen mit der Kopfwunde wurde ins Krankenhaus gebracht, notoperiert und in ein Bett gelegt. Dort schlief es, erst künstlich, dann natürlich, bis ein paar Tage später die Bürgermeisterin und der Stadtrat für einen Pressetermin im Krankenzimmer zusammenkamen. Das Mädchen war kaum ansprechbar und konnte sich nicht aufrichten, da widmete man die Aufmerksamkeit bald aus Rücksichtnahme Luzifer. Man schüttelte ihm die Hand, fragte ihn mitleidig nach seinem Wohlergehen und lächelte in die Kamera. Abseits der Kameras, nachdem man die Presse vorübergehend ausgeschlossen hatte, nutzten die Stadtratsmitglieder den Anlass, um nebenbei über die Laserjagden zu beraten.

„Ja, es ist das schrecklichste der göttlichen Werke“, sagte Stadtrat Schalaff. „Furchtbar, dass man nichts wirklich tun kann. Aber das heißt es, Mensch zu sein. Wir können für ein angemessenes Begräbnis sorgen, aber… es ist uns Menschen nicht vergönnt, aber… aber es ist ja ganz fürchterlich, fürchterlich tragisch.“

„Das ist so wohl nicht ganz richtig“, krächzte Luzifer, wobei just in diesem Moment alle Geräusche im Raum gedämpft waren.

Zunächst blieben Antworten aus. Alle blickten zum Mann im Krankenbett. Dann entkam Stadtrat Schalaff zum eigenen Schrecken ein: „Was?“

Luzifer schob sich mit kreisenden Schultern am Bettgestänge empor. „Ich sagte“, versetzte er mit schwacher Stimme, kurzatmig nach jedem Wort, „dass das so nicht richtig ist.“

„Ja?“, fragte Stadträtin Sinactu mit freundlichem Erstaunen. „Weshalb?“

„Wenn die Leute“, setzte Luzifer schon etwas fester hinzu, „keine Gewehre haben, können sie sie auch nicht einsetzen.“

„Also wirklich“, raunte Stadtrat Schnoder. „Brauchen wir hier wirklich Allerweltsweisheiten? Und das in einer so empfindlichen Lage. Gleich sagt der kluge Kopf uns noch, die Sonne geht im Osten auf. Aber was, wenn die Sonne von Wolken verdeckt ist? Was nutzt es dann?“

„Ach, ich sage, ist doch herrlich“, seufzte Stadträtin Wankel. „Was Frisches!“

„Was ist denn an solchen Provokationen herrlich?“, fragte Schnoder, um Balance in der Stimme bemüht.

„Warum nicht?“, sagte Wankel. „Man muss die Dinge ausprobieren, um zu wissen, was sie taugen.“

„Ich weiß ja nicht“, entgegnete Bürgermeisterin Innert. „Wie soll das gehen? Selbst wenn wir das versuchen wollten: wie kommen wir an die Gewehre der Leute?“

„Na, das muss uns der kluge Herr dann schon sagen“, sagte Stadtrat Schnoder bartzwirbelnd und triumphal.

„Fünf Maßnahmen“, erwiderte Luzifer und zählte sie an den Fingern ab. „Erstens: Man bezahlt denjenigen, die sich einverstanden zeigen, jetzt den Wert ihrer Waffen und gibt ihnen eine Gutschrift auf dieselbe Vergütung in einem Jahr, weil Volkswirtschaft und Steuereinnahmen von weniger Angst und mehr Werktätigen profitieren werden. Zweitens: Es gibt eine Steuer auf den Besitz von Laserwaffen, hoch genug, um ein Umdenken zu fördern, tief genug, um den Privatbesitz von Laserwaffen weiterhin für die Allgemeinheit möglich zu machen. Die Steuereinnahmen werden für die Pflege von Opfern und die Unterstützung ihrer Angehörigen aufgewendet. Drittens: Privatbesitz ist an eine Lizenzierung gekoppelt. Wer eine Laserwaffe besitzen will, muss eine psychologische Testreihe durchlaufen. Wird die Testreihe bestanden, bleibt die Waffe im Privatbesitz. Wird sie nicht bestanden, wird sie beschlagnahmt, aber der bisherige Besitzer erhält dieselbe Vergütung wie im ersten Punkt. Viertens: Das Tragen der Waffe in der Öffentlichkeit ist auch den Lizenzinhabern bei empfindlicher Bestrafung nicht gestattet, außer in einem dafür vorgesehenen Beförderungsmittel, um von einem autorisierten Bereich zum anderen zu gelangen. Fünftens: Das gesammelte Material wird verwendet, um von Gemeindeseite an strategischen Punkten in der gesamten Stadt für Sicherheit zu sorgen. So lässt sich der Schaden um ein Vielfaches begrenzen. Und das ist erst der Anfang. Man kann es natürlich nicht dabei bewenden lassen.“

Hiernach war Luzifer bleich und sackte in die Lehne.

„Das ist doch viel… viel zu drastisch“, sagte die Bürgermeisterin verschreckt.

„Es werden gewiss nicht alle mitmachen“, versetzte Stadträtin Sinactu.

„Es ist vielmehr ein unerhörter Eingriff in die Privatsphäre“, warnte Stadtrat Schnoder. „Es handelt sich nicht nur um eine ungerechtfertigte Beschneidung der Freiheit. Das wird auch Probleme machen. Es werden nicht nur nicht alle mitmachen. Es wird große Unruhen geben. Und kein anderer Effekt ist sicher. Wie soll die Bevölkerung so außerdem noch wehrhaft sein im Angriffsfall?“

Die Bürgermeisterin beobachtete ihre Kollegen und kaute auf ihrer Lippe herum.

„Von mir aus können wir es so machen“, sagte Stadträtin Wankel achselzuckend. „Es wäre mal was Neues.“

„Warum sollte man die Leute wegen so etwas verrückt machen?“, legte Stadtrat Schnoder nach. „Wir haben keine Garantie, dass das klappt. Es wird nicht alle Probleme lösen. Aber es wird auf jeden Fall Probleme machen.“

Stadtrat Schalaff blickte aus dem Fenster.

„Ist der derzeitige Zustand haltbar?“, fragte Luzifer, während er schon wieder am Rücken in das Bett sank.

„Besser als viele, die da noch kommen können, wenn wir hier große Risiken eingehen“, sagte Schnoder. „Hört auf meine Worte! Schlimmer geht immer.“

„Haben es Menschen wie dieses Mädchen dort nicht verdient, dass man etwas versucht, um den Zustand zu verbessern?“, ergänzte Luzifer im Liegen.

Stadtrat Schnoder schnaufte missbilligend und erwiderte: „Aaah! Jetzt kommen wir mit der moralischen Keule! Das ist doch… Dieser Fremde hier, der keinen unserer Leute persönlich kennt, lässt sich hier im Krankenhaus von unseren Leuten fürstlich behandeln, raubt anderen das Bett, greift sich vollmundige, leere Worte und maßt sich an, uns zu belehren, die wir unter alldem mitgelitten haben und unsere Mitbürger haben versterben sehen. Wo sind wir denn hier?“

„Und wenn schon! Machen wir’s doch einfach mal!“, schlug Stadtrat Wankel heiter vor.

Man beriet sich kurz schweigend.

„Das geht dann auf Ihre Verantwortung“, sagte Stadtrat Schnoder zur Bürgermeisterin.

Diese begann ein wenig zu zittern. Sie schickte ihren Assistenten mit einer Bitte los. Die Stadtratsmitglieder riefen die Presse zurück, standen noch kurz Rede und Antwort, bedankten sich für die Aufmerksamkeit und verließen das Zimmer. Beim Hinausgehen klagte Stadtrat Schnoder, er habe schon genug zu tun und müsse sich nun noch dafür verteidigen, eine Waffe zum Selbstschutz und für den Jagdsport zu besitzen. Stadtrat Schalaff nickte eifrig. Als die anderen gegangen waren, trat die Bürgermeisterin mit einem lichtbedruckten Obsidiantäfelchen an Luzifers Bett heran.

„Nichts Unübliches“, sagte die Bürgermeisterin, als sie Luzifer das Schriftstück und einen Gravurlaser zur Unterzeichnung reichte. „Nur ein bisschen Schreibkram für die Akten. Protokollarisches, die Zeit, der Ort, die Haftbarkeit und solche Dinge. Wir besorgen Ihnen eine kleine Wohnung für Ihre Zeit hier. Außerdem übernehmen wir die Krankenhauskosten für Sie. Keine Sorge, Sie müssen nicht in die Warenhallen. Dafür ist gesorgt. Finden Sie sich sofort, wenn sie genesen sind, vor dem Gremium ein, um die Dinge anzugehen! Mein Assistent wird Sie gerne einweisen. Ich bin gespannt auf Ihre Arbeit.“

Nachdem Luzifer Tage später entlassen worden war, bezog er eine Wohnung am Stadtrand, kurierte sich aus und trat dann seinen Dienst im Gremium an. Der Stadtrat ließ einen Boten schicken, der vor dem Gremium verkündete, Luzifer leite nun manch Geschick. Bei seiner Antrittsrede vor einem Viertel der Gremiumsmitglieder sprach Luzifer mit Feuer in den Augen davon, dass man alles, was nicht gut sei, einreißen und im Bestmöglichen neu erstehen lassen müsse. Hierfür wäre er nun hier und freue sich auf den Beitrag aller Gremiumsmitglieder. Luzifer ergänzte, dass es eine Plattform geben werde, wo jedes Mitglied seine Gedanken und Einschätzungen hinterlegen könne. Diese würden dann von allen anderen gelesen und gemeinsam besprochen. Auf dieser Grundlage werde nach einer optimalen Lösung gesucht.

„Ich muss hier aber ehrlich und deutlich sein“, sagte er. „Es wird natürlich nicht jeder Vorschlag gleich viel in die Entscheidungen einfließen. Wir brauchen nicht irgendwelche, sondern gute Entscheidungen. Aber wir müssen auch gemeinsam überzeugt davon sein, um für die Entscheidungen einzustehen. Jeder Vorschlag kriegt eine faire Chance, Teil davon zu sein. Ich bitte euch nur für ein reibungsloses und lösungsorientiertes Miteinander: Denkt vorher gut über eure Vorschläge nach! Undurchdachte Vorschläge machen uns Mehrarbeit und halten uns auf. Wir treffen gemeinsam die Entscheidungen. Ich werde die finale Entscheidung übernehmen, wenn wir uns nicht wenigstens auf eine gute Lösung einigen können.“

Die Anwesenden blickten Luzifer blank an oder sahen aus dem Fenster.

„Unser erstes Problem sind die Schusswaffendelikte“, fuhr Luzifer fort. „Ich habe einen Plan erstellt, den jeder von euch vorliegen hat. Wenn ihr Anmerkungen oder Verbesserungsvorschläge habt, könnt ihr sie in der kommenden Woche vorstellen. Wir müssen schnell handeln.“

„Was ist denn eine gute Lösung?“, fragte ein Mann hinein.

„Eine gute Lösung ist eine Lösung, die das Problem löst“, erwiderte Luzifer.

„Aber davon gibt es ja mehrere“, sagte der Mann. „Und nachher weiß man immer noch nicht, ob die gute Lösung eigentlich schlecht war oder ob andere Lösungen nicht auch gut gewesen wären.“

„Wissen werden wir das wohl nicht“, räumte Luzifer ein. „Aber wir können es uns vielleicht schon denken oder annähernd wissen, wenn wir uns vorher anschauen, was wahrscheinlich ist, und anschließend die Effekte betrachten. Und wir können uns sicher sein, dass wir eine gute Lösung finden, wenn wir auf die bestmögliche abzielen.“

Der Mann zog eine Grimasse.

Eine Frau hob die Hand und sagte mit Blick auf Luzifers Plan: „Wir sollten niemandem die Waffen wegnehmen.“

„Ich denke schon, dass wir das müssen“, entgegnete Luzifer. „Der Plan, der euch vorliegt, hat eine Begründungssektion. Da kann jeder das nachlesen und für sich selbst bewerten.“

„Ich sehe das kritisch“, sagte die Frau.

„Wenn du einen besseren Vorschlag hast, bring ihn ein, und wir schauen ihn uns an!“

„Das sollen wir alles lesen?“, fragte ein Mann mit Blick auf die kleinbedruckte Tafel, vergrößerte einen Ausschnitt mit den Fingern. „Entschuldigung, aber dafür habe ich wirklich keine Zeit. Wieso nehmen wir uns nicht einfach eine halbe Stunde, um das kurz zu besprechen?“

„Hast du einen Plan, den du uns in ein paar Minuten vorstellen möchtest?“, fragte Luzifer, und der Mann stierte ihn an.

In der kommenden Woche war die Beteiligung an den Treffen unverändert. Die Plattform blieb ungenutzt, bis auf zwei Nachrichten, die anonym zusammenfassten, was ihnen an der Antrittsrede persönlich nicht gefallen hatte. Alsbald ließ Luzifer über den von ihm ausgearbeiteten Laserwaffenvorstoß abstimmen.

„Wir brauchen schnell eine gute Lösung. Die Taktung der Angriffe lässt uns keine Wahl. Wird der Plan nicht angenommen, gibt es eine weitere Woche Zeit, andere Pläne zu besprechen und einzureichen oder Verbesserungen dieses Plans vorzuschlagen. Sonst wird der Plan automatisch angenommen.“

Luzifers Plan wurde schließlich mit vielen Enthaltungen und ein paar Zustimmungen im ersten Gang angenommen und bald als Gesetz verabschiedet.

Einige Wochen, nachdem der Beschluss gefasst worden war und sich mittlerweile in der Umsetzung befand, kam Gremiumsmitglied Wilmig wieder zurück ins Büro. Er beklagte im Plenum, die Entscheidung über die Schusswaffen sei über die Köpfe mancher Gremiumsmitglieder in einer geheimen Abstimmung getroffen worden, und bedauerte, dass die Freiheit der Menschen, sich zu schützen, durch eine extreme Maßnahme von oben herab geraubt worden sei. Man habe diejenigen mit einer anderen Meinung rücksichtslos übergangen. Dies entspreche nicht seinem Verständnis von Toleranz und Gemeinschaft. Luzifer erwiderte, es habe die Gelegenheit dafür gegeben, diese Meinung zu äußern. Sie sei verstrichen. Er führte weiter aus, er könne sich der Meinung nicht anschließen, wenn die Freiheit, sich möglicherweise zu schützen, als wichtiger bewertet werde als die tatsächlich bereits verletzte Freiheit zu leben.

„Aber hätten alle die Möglichkeit, sich zu verteidigen, gäbe es diese Probleme nicht“, sagte Wilmig. „Das ist es ja gerade.“

„Es hatten alle die vermeintliche Möglichkeit, sich zu verteidigen“, antwortete Luzifer. „Wir sehen das Ergebnis davon.“

„Das ist doch Quatsch“, entgegnete Wilmig. „Es hatten nicht alle die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Manche haben kein Geld, um sich Waffen zu kaufen. Andere haben vielleicht keine Arme oder sind zu schwach, eine Waffe zu heben.“

Luzifer begann, sich die Nasenwurzel zu massieren. „Ich meinte“, sagte er, „dass es allen erlaubt war, Waffen zu besitzen und zu tragen. Das neue Gesetz betrifft die Möglichkeit als Erlaubnis, nicht die Möglichkeit als Zugang oder als Gebrauch. Dass nicht alle die Geldmittel haben, sich Waffen zu kaufen, selbst wenn es sinnvoll wäre, ist außerdem ein ganz anderes Problem. Und der letzte Punkt, die Unfähigkeit der Bedienung von Waffen, bekräftigt eigentlich nur, dass es Menschen gibt, die trotz ihrer Möglichkeit, Waffen zu erwerben, keine Waffen verwenden können und daher in einer Stadt voller Waffen gefährdet sind.“

„Das ist doch gar nicht der Punkt“, sagte Wilmig. „Es geht darum, dass etwas von oben einfach entschieden wird, was die Leute gut finden sollen. Aber vielleicht wollen sie ja nicht. Vielleicht hat einer, der keine Waffe tragen kann, ja einen netten Nachbarn, der ihn verteidigen kann. Und dann will er das Gesetz vielleicht nicht und muss jetzt mit dieser fixen Verordnung leben. Und das ist nicht gerecht. Und außerdem muss man sich ja auch überlegen, ob es nicht ein Mindestmaß an Schießereien gibt, das man nicht unterschreiten kann. Und wenn es das gibt, dann nimmt man den Leuten plötzlich ihre Sachen weg, ohne dass es etwas bringt.“

Die Anwesenden blickten von Wilmig zurück zu Luzifer. Dieser erwiderte, es sei schwer, in diesem Gespräch den Fokus aufrechtzuerhalten. Er schlug vor, nun erst einmal die Auswirkungen des Gesetzes abzuwarten, um die Sache neu zu bewerten.

„Ja, das ist wohl das Beste“, sprach Milte erleichtert in die Stille hinein. „Jetzt lasst uns einfach alle wieder zueinanderfinden und an einem Strang ziehen. Also ich fand das alles sehr interessant und aufschlussreich.“

Es ging hiernach noch ein wenig zwischen Luzifer und Wilmig hin und her. Abends kamen Paschew und Trucks auf Luzifer zu und klagten, Wilmig bringe Unruhe herein und sorge bereits seit einiger Zeit für unangenehme Stimmung. Er sei weithin bekannt für seine Art. Luzifer schlug vor, dass Paschew und Trucks diese Meinung auch offen zur Sprache bringen könnten. Eine Besprechung im Dunkeln ändere nichts. Paschew und Trucks nickten, bevor sie sich bis zum nächsten Morgen verabschiedeten.

In den kommenden Wochen reiste Luzifer über die Insel und las sich in die alten Zeugnisse und gegenwärtigen Debatten ein. Er besichtigte auch ein riesiges Kraftwerk am Fuß des Gaya. Der höchste Berg der Insel ragte sechstausend Meter über das Flachland hinaus. Der Betreiber sagte stolz, noch immer käme mehr als die Hälfte der Energie der Insel vom Gletscher. Man gewann die Energie, indem man den Gletscher hoch oben kontrolliert mit hocheffizienten Lasern erhitzte, deren Betrieb durch eine integrierte Umwandlung von Sonnenenergie einen beinahe vernachlässigbaren Energieaufwand erforderte. Das Wasser wurde über viele Kanäle in einen am breitesten Punkt zwei Kilometer langen Tunnel geleitet. Es durchfließe ein System aus mehreren hunderttausend Turbinen, erklärte der Betreiber, deren über weitere Turbinensysteme potenzierte mechanische Energie unten im Tal über einen unterirdischen Generator in Elektrizität umgewandelt werde. Am Ende lande das Wasser in einem Heizraum, der es verdampfen lasse. Man leite den Wasserdampf wiederum über Dampfturbinen aus, um Restenergie zu gewinnen. Das kondensierte Wasser finde schließlich seinen Weg ins Meer.

„Ein technisches Wunderwerk“, sagte der Betreiber. „Und äußerst nachhaltig.“

„Wie viel Gletscher ist noch übrig?“, fragte Luzifer.

„Noch massig“, entgegnete der Betreiber, doch er lächelte gequält.

Zurück in der Hauptstadt besuchte Luzifer das Naturphilosophische Institut der Universität. Die Direktorin plauderte mit ihm bei einem Flaniergang durch die Höfe des Hauptgebäudes und bestätigte Luzifers Verdacht. Sie stellte Verbindungen zu einer Forschungsgruppe her, die Luzifer empfing und über den neuesten Stand in Kenntnis setzte.

„Ich beneide Sie nicht“, verriet die Direktorin beim Abschied. „Wir können seit langer Zeit nur zuschauen und leiden.“

Im Anschluss warnte Luzifer vor dem Gremium, dass die Einbindung des Gletscherwassers in den natürlichen Wasserkreislauf den Meeresspiegel erhöhen würde. Dies sei zwar jetzt kein Problem, werde jedoch, wie Untersuchungen nahelegen würden, in einigen Jahrzehnten oder Jahrhunderten schwere Auswirkungen ungekannten Ausmaßes haben. Beispielsweise bedeute eine geschrumpfte Landmasse weniger Fläche zur Gewinnung von Agrarprodukten. Dies sei schon bei gleichbleibender Bevölkerungszahl heikel und gerate bei steigender Zahl zur großen Bedrohung. Manch Anwesender nickte höflich, andere studierten den Tisch. Daher müsse man rasch neue Quellen erschließen und die Nutzung des Gletschers vermutlich gänzlich einstellen.

„Möchte jemand etwas ergänzen?“, fragte Luzifer.

Nach der Sitzung trat Smoll auf Luzifer zu und eröffnete: „Ist doch ein bisschen drastisch, oder? Was jetzt seit Jahrhunderten geklappt hat, soll ein Problem sein? Es stimmt ja vielleicht, dass das irgendwann nicht mehr so gut ist. Das weiß ich nicht. Aber das Ganze von jetzt auf gleich über den Haufen zu werfen, ist doch etwas überstürzt.“

„Danke für deinen Einwurf!“, sagte Luzifer. „Das stimmt. Es geht nicht darum, die Nutzung des Gletscherwassers morgen oder nächste Woche zu beenden, aber wir müssen die Nutzung des Gletscherwassers wenigstens im Kopf sofort beenden, auch wenn sie erstmal weiterlaufen muss. Und wir müssen uns jetzt schon gedanklich und auch in der Entwicklung auf die neuen Wege zur Energiegewinnung einstellen. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass wir mittelfristig darauf verzichten müssen. Und irgendwann wird die Quelle ohnehin versiegen. Das war gemeint.“

Smoll wiegte den Kopf hin und her, schien nicht überzeugt, nickte und verabschiedete sich.

Nachdem Luzifer einen Gesetzesvorschlag eingebracht hatte, blieben die Abstimmungen in den kommenden Wochen ohne Ergebnis. Die erforderlichen Stimmen für die Verabschiedung wurden nicht erreicht. Gegenstimmen blieben ebenso spärlich, weshalb Luzifer nach der dritten ergebnislosen Abstimmung ankündigte, das Gesetz werde nächste Woche automatisch in Kraft treten. Hier meldete sich Wilmig, der nach ein paar Wochen Abwesenheit ins Büro zurückgekehrt war, zu Wort. Er stand auf, warf mit den Händen um sich.

„Das ist eine Unverschämtheit“, sagte er. „Nein, also, es ist ganz klar… Ich habe großen Respekt vor deiner Arbeit, aber wir können jetzt nicht einfach über alle Köpfe hinweg entscheiden lassen. Da muss es auch ein Für und Wider geben, Austausch.“

„Und den gab es nicht?“, fragte Luzifer.

„Meiner Meinung nach gab es ihn nicht.“

„Woher willst du das wissen?“, setzte Luzifer nach. „Du warst nicht anwesend.“

Wilmigs Augen sprangen amüsiert im Raum umher. „Ich weiß es nicht, aber es ist ja ganz klar, dass es nicht wirklich Austausch gibt, wenn einfach etwas entschieden wird.“

Smoll nickte unwillkürlich, was Luzifers Augen nicht entging.

„Ich bin der Meinung“, fuhr Wilmig fort, „dass man auch anderen Sichtweisen Raum geben muss. Damit muss man klarkommen. Und das kommt mir hier zu kurz. Es muss auch die Möglichkeit geben, Kritik zu äußern. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Plattform hier im Büro, wo alle mal ihre Sichtweisen mitteilen können? Man braucht auch andere Impulse.“

„So eine Plattform haben wir ja“, warf Milte ein. „Da kann jeder einfach Vorschläge oder Anmerkungen einbringen. Und hier können wir das ja auch ganz einfach machen, wenn man einen spontanen Gedanken hat.“

„Ist dir das entgangen?“, fragte Luzifer.

„Nein, also ich habe das nicht mitbekommen. Das hätte klarer kommuniziert werden müssen. Wenn keiner davon in Kenntnis ist, dann ist es nur eine kleine Geheimgesellschaft, wo man mauscheln kann.“

„Vielleicht hättest du einfach mal häufiger ins Büro kommen sollen“, entgegnete Luzifer. „Wenn du dir alles genau und fair anschaust, müsstest du sehen, dass es keinen Sinn hat, was du sagst.“

„Ja, aber genau das meine ich“, erwiderte Wilmig und vollzog mit seinen Händen ausladende Kreisbewegungen. „Wer sagt denn, dass das dann keinen Sinn hat? Du sagst das, aber wenn man das nicht so sieht? Dann ist man gleich abgemeldet. Aber ich finde das nicht richtig. Ich sehe das ganz anders. Der eine sieht es eben so, der andere sieht es so. Und jeder darf sagen, wie er es sieht. Und nichts ist besser als das andere, und dann muss man sich auch wieder die Hand geben können.“

Luzifer rieb sich die Schläfen, schloss die Augen. Er öffnete sie und blickte in die Runde, betrachtete ein Dutzend Gesichter.

„Wird man doch wohl sagen dürfen“, setzte sein Gegenüber hinzu.

Luzifer nickte. „Man sollte das sagen dürfen, aber man sollte nicht erwarten, dass es dann auch gut aufgenommen wird. Und man sollte nicht davon ausgehen, dass das, was man sagt, auch stimmt, nur weil man es denkt und ohne weitere Reflexion und mit an Schwachsinn grenzender Ahnungslosigkeit rausschießt.“

„Aha, das ist ja ganz unsachlich formuliert“, sagte Wilmig. „Und ich möchte wissen: wer entscheidet es, dass es so ist, wie du sagst?“

„So geht es nicht weiter“, erwiderte Luzifer müde.

„Da sind wir uns mal einig“, entgegnete Wilmig mit einem Lächeln, das fast etwas wie aufrichtige Freude über die Übereinkunft zum Ausdruck zu bringen schien.

Luzifer starrte ihn mit blanken Augen an und fasste einen Entschluss, den er Wilmig nach dem Gespräch unter vier Augen mitteilte. Wilmig zeigte sich gänzlich verständnislos und protestierte vehement, bis Luzifer ihn nach weiteren Argumentationszyklen stehen ließ. In der Abenddämmerung durchmaß er die Stadt und betrat den Ratssaal, wo die Stadtratsmitglieder sich gerade zum Aufbruch bereitmachten.

„Wilmig muss das Gremium verlassen“, sagte Luzifer. „Er hilft nicht und schadet nur. Was soll er dann dort? Ich möchte das allerdings nicht alleine entscheiden. Ich glaube nicht, dass es dann eine ausreichende Legitimität hat.“

Bürgermeisterin Innert machte ein gequältes Gesicht.

„Muss es denn immer solche Probleme geben?“, fragte sie.

„Zu einem Streit gehören immer zwei Seiten, nicht wahr?“, warf Stadtrat Schnoder ein, indes er seine Tasche packte und nicht aufblickte.

„Ja“, sagte Luzifer. „Und eine Seite hilft nicht und schadet nur. Und die andere Seite reagiert darauf.“

„Das ist Ihre ganz eigene Meinung, Herr Luzifer“, entgegnete Stadtrat Schnoder. „Wilmig wird wohl eine ganz andere Meinung dazu vertreten. Und wir hören ja auch keine anderen Beschwerden über Wilmig. Von mir wird es dafür keine Zustimmung geben. Ich bin für offenen Austausch.“

Die anderen Ratsmitglieder observierten den Raum.

„Dann verlasse ich meinen Posten unverzüglich“, sagte Luzifer und drehte sich um.

Er hatte das Gebäude fast schon verlassen, da hörte er ein eiliges Schlurfen über den Boden. Als er sich umdrehte, stand die Bürgermeisterin vor ihm und hielt sich die Seite.

„Ich kann verstehen, dass Sie nicht mehr wollen“, sagte sie hüstelnd. „Da möchte ich auch nicht mit Ihnen tauschen. Es ist Ihr gutes Recht, jetzt aufzuhören. Sie haben uns häufig über die Schwierigkeiten im Gremium in Kenntnis gesetzt. Und Sie haben ja mit einigem nicht ganz Unrecht. Es ist sicher nicht leicht für Sie. Aber bedenken Sie, Herr Luzifer… Die ganzen Missgeschicke bei uns… Wenn Sie aufhören… Ich fürchte, dass es dann mit unserer Stadt vorbei ist.“

„Dann wäre es das auch mit mir“, erwiderte Luzifer.

„Ich bitte Sie im Namen unserer Stadt, dass Sie noch ein wenig Geduld haben.“

„Dann wird Wilmig das Gremium verlassen“, versetzte Luzifer.

„Natürlich! Tun Sie, was Sie für richtig halten“, nickte die Bürgermeisterin. „Auf Ihre Verantwortung!“

Als die Morgensitzung begann, war Wilmigs Platz leer, doch es erschien ein holografisches Abbild, das Wilmigs Motive für den sofortigen Rückzug erläuterte. Es wiederholte viele Punkte der vergangenen Wochen. Diese kulminierten im salopp eingepflegten Begriff ,Diktatur‘.

„Und deshalb sehe ich keine Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit gegeben“, sprach das Hologramm. „Ich hätte mir mehr Offenheit und mehr gemeinsame Basis gewünscht. Aber das ist offensichtlich nicht gewollt. Das ist nicht mein Weg, aber das ist eben so.“

Nachdem das Hologramm verschwunden war, erhob sich Luzifer und sagte: „Gut, fangen wir mit der heutigen Tagesordnung an!“

Als Luzifer abends nach Hause kam, saß vor seiner Wohnungstür das Mädchen, das verletzt mit ihm im Krankenhaus gelegen hatte. Ihre Sicht war auf dem versehrten Auge scheinbar uneingeschränkt. Überhaupt waren kaum Folgen des Angriffs an ihr wahrzunehmen. Sie schob sich mit Luzifer in die Wohnung und brach in einen hastigen Schwall aus. Nach ihrer Verletzung hatte sie sich mit dem gesunden Auge in die Überlieferungen des alten Heilers Ossklepp eingelesen. Mit diebischen Fingern war sie an Kräuter, Verbandzeug, sogar an Nadel, Faden und einen kleinen Handlaser gelangt. Sie behauptete, sie habe sich selbst behandelt, nachdem sie ihr Auge im Krankenhaus beinahe durch eine Infektion verloren hatte. Das Auge habe sich von den Mikrooperationen rasch erholt und sei nun dem unversehrten fast wieder ebenbürtig.

„Und dann hab ich gelesen, dass der Heiler Ossklepp damals ein Weggefährte von P gewesen ist. Ossklepp hat viel von P erfahren. So fing es damals an, dass man die Wunden ausgebrannt hat und dass man die Mücken mit Rauch verscheucht hat. Und dann wollte ich mehr über P wissen, weil man über P immer in den Gassen Dinge hört und weil er ja auch der Stadt Wunder gebracht hat. So bin ich dann an die Feuerleute gekommen. Sie zeigen es am Tag nicht, aber sie haben einen Treffpunkt und beten auch in ihren Häusern. Alle glauben, dass niemand von ihnen wüsste und dass sie ganz geheim sind, aber ich weiß, dass die Oberen davon wissen und es auch zulassen. Weil es auch immer noch viele gibt, die hinter verschlossenen Türen P anbeten, auch wenn es verboten ist und niemand mehr über P sprechen darf.“

„Wer ist P und warum darf niemand mehr über P sprechen?“, fragte Luzifer.

„Darüber darf ja auch niemand sprechen“, sagte das Mädchen ein wenig belustigt. „Aber ich wollte noch sagen, warum ich hier bin. Also… Wo das ewige Feuer von P ist, da drüber ist ein kleines Loch in der Decke. In dem Loch knistert es am Ausgang und Flammen zeigen sich blau und gelb und rot. Die Leute sagen, das ist ein Zeichen dafür, dass P weiter Wunder vollbringt. Ich hab das Gefühl, da ist anderes am Werk. Ich hab ein ganz schlechtes Gefühl. Es macht mir irgendwie ganz viel Angst.“

Luzifer runzelte die Stirn. Er dankte dem Mädchen und kündigte an, der Sache nachzugehen. Das Mädchen machte keine Anstalten, die Wohnung nach dem Gespräch zu verlassen, und so bot Luzifer an, es könne auf dem Dachboden wohnen, wenn es wollte. Im nächsten Moment schon war das Mädchen über die Leiter nach oben gestiegen.

Am nächsten Tag fragte Luzifer bei einer Sitzung, wer etwas von P und den Feuerleuten wisse. Er erntete bestürzte Blicke und betretenes Schweigen. Mehrmaliges Nachhaken konnte dies nicht ändern. Im Anschluss wandte er sich an den Stadtrat. Dieser verkündete einstimmig, P sei eine mythologische Figur der Altvorderen und den Feuerkult gebe es nicht. Luzifer verlangte, alle verfügbaren Informationen zur mythologischen Figur zu erhalten, und wurde hierfür von Stadtrat Schnoder als ,unverbesserlicher Unruhestifter‘ bezeichnet. Er solle einmal, nur einmal seiner eigentlichen Arbeit nachgehen und sich bemühen, ein ,anständiger Kerl‘ zu sein wie jeder andere auch.

Als er aus der Laube des Rathauses trat, kam der Händler Naram, der ihn im Sturm aufgelesen hatte, auf ihn zu. Er erklärte, er habe gehört, wonach Luzifer suche. Er studiere seit Jahren die verschütteten Schriften und könne ihm Näheres zu seinem Gesuch sagen. Der Reisende P habe seinerzeit von Übersee Kenntnisse über die Bündelung von Sonnenlicht mitgebracht und den Menschen die Sonne ins Feuer geholt. Dies habe den Aufstieg der Stadt begünstigt und P zum Herrscher ohne Titel gemacht. Der Händler sagte ferner, P habe sich später vor allem dadurch unbeliebt gemacht, dass er den Zugang der Menschen zum Feuer mit der Zeit zunehmend wieder habe begrenzen wollen. Außerdem habe er sich den Anbiederungen seiner Huldiger erwehrt und alle Statuen zu seinen Ehren eigenhändig zu Boden gerissen. P sei dann auf unerklärliche Weise verschwunden. Manche hätten berichtet, er sei auf seinem Adler in die Wolken entflohen. Andere hätten wiederum behauptet, P sei von seinem Reittier verzehrt worden wie ein Wald vom Feuer. Um Ps Gaben für die Zukunft sicherzustellen, habe sich rasch nach seinem Verschwinden ein Kult herausgebildet. Dieser bestehe bis zum heutigen Tag fort. Dies sei alles, was er zu Luzifers Kenntnissen beitragen könne, sagte der Händler.

„Wie bist du an diese Einsichten gelangt?“, wollte Luzifer wissen.

„Wer es wirklich will, findet zumeist einen Weg“, antwortete Naram.

„Warum wolltest du einen Weg finden?“

„Das kann ich dir nicht sagen“, sagte Naram. „Aber ich sage dir, dass man es bei uns an der Küste den Avatara nennt, wenn einer den hohen Weg durch die schwere Tiefe nimmt. Und man sagt sich auch, dass dieser Weg zu meiden ist.“

„Du scheinst mir das selbst nicht zu befolgen, was immer es letztlich bedeuten soll“, sprach Luzifer.

„Vielleicht nicht“, sagte Naram. „Darüber habe ich bis jetzt nicht nachgedacht.“

„Als Händler hast du gewiss schon viele Wege beschritten.“

„Selbstredend.“

„Kommst du auf deinen Handelsreisen mit der Turminsel in Berührung?“, fragte Luzifer.

Das grobe Gesicht des Händlers verzog sich in leichter Sorge, doch er nickte.

„Dort werden seltene Erden gefördert, nicht wahr?“

„Ja“, erwiderte der Händler, „meine Leute bringen zweimal im Monat eine Ladung von dort. Wir bringen nicht so viel wie andere, aber wir liefern unseren Anteil.“

„Ich habe gehört, dass man den Meeresboden abträgt, indem man ihn über große Saugrohre an Land pumpt. Auf der Turminsel durchforsten ihn Automaten nach seltenen Erden. Der restliche Boden wird weiter an Land gelagert. Entspricht das deiner Erfahrung?“

„Das ist so“, sagte Naram. „Sie heißt deshalb Turminsel, aber es sind schon halbe Berge.“

„Der Meeresspiegel ist jedoch nicht gesunken, teils wegen des Gletscherwassers, aber das allein erklärt es nicht. Wenn das Wasser bei dieser Fläche und bei dieser Menge an abgetragenem Material nicht sinkt, muss man sogar davon ausgehen, dass die Förderung der seltenen Erden Grundwasser freilegt, das ins Meerwasser übergeht. Sonst ist der Spiegel nicht zu erklären, und es deckt sich mit den Einschätzungen der Forscher.“

Naram zuckte mit den Achseln. „Das könnte durchaus sein. Es leuchtet mir ein.“

„Kann ich bei der nächsten Fahrt mitkommen und mir selbst ein Bild machen?“, bat Luzifer.

„Nun denn“, sagte der Händler heiter. „Gehen wir wohl gemeinsam ein Stück auf dem Weg!“

Nachdem Luzifer von der Fahrt zurückgekehrt war, empfahl er, die Lagerung des Restbodens auf der Förderungsinsel zu beenden und den bereits dort befindlichen Boden zurückzuführen, um die Löcher am Meeresboden zu überdecken und die instabilen Staubberge, deren Partikel die Sonneneinstrahlung verringern würden, abzutragen. Dieser Vorstoß traf zunächst nicht auf größere Ablehnung und wurde recht unbekümmert aufgenommen. Man war sich einig, dass niemand etwas davon hatte, dass der Boden auf der Förderungsinsel lag. Doch als eine Berechnung ergab, dass die Rückführung des Bodens Kosten in mehrfacher Millionenhöhe pro Jahr mit sich bringen würde, murrte die Stadtbevölkerung. Außerdem sah Luzifers Plan den Bau einer großen Entsalzungsanlage vor, wo abgeschöpftes Meerwasser gesammelt und über Verdunstung und Kondensation vom Salz getrennt werden sollte, um es bei Dürre zur Bewässerung in der Landwirtschaft oder als Trinkwasser zu verwenden.

Der Stadtrat beauftragte einen Ausschuss aus Ökonomen sowie den Vorsitzenden der größten Förderungsunternehmen und Technologiekonzernen mit der Prüfung des Vorstoßes. Luzifer sagte vor dem Prüfungsausschuss aus, dass er auf dieser Maßnahme bestehen würde und legte in Abstimmung mit einem ehrenamtlichen Forscherverband einen langen Argumentationsbogen vor, um zu demonstrieren, weswegen er die schonende Rückführung des Bodens und die Anpassung des Meeresspiegels für unerlässlich halte. Der Prüfungsausschuss entschied, Luzifer überspanne hiermit seine Kompetenz und sei in diesem Zusammenhang nicht als legitime Quelle für eine Maßnahme zu betrachten. Die Idee sei folglich illegal.

Schon seit langem diskutierte man die Vorgänge rund um das Gremium und seine Gesetze auch in der Bevölkerung angeregt. Anfangs vorsichtig wohlwollend, neigte die Öffentlichkeit in den letzten Monaten zur leichten Verstimmung.

„Und jetzt will er auch noch, dass wir unsere Gletscher in Ruhe lassen und dass wir uns vom Meeresboden fernhalten und und und“, wetterte eines Nachmittags Steuerberater Geyer in einer beliebten Taverne. „Wir verdanken unseren gesamten Wohlstand und all unsere Technologie der Förderung von Gletscherenergie und den reichen und schier unbegrenzten Metallvorkommen am Meeresboden. Und wer soll das bezahlen, will ich wissen. Sehr ihr nicht, dass alles, was dieser Mann tut, darauf abzielt, uns unglücklich zu machen, uns zu zerstören?“

„Nun ja, das nicht“, sagte ein gutmütig dreinblickender Herr am Tresen. „Das geht zu weit, aber ein bisschen schwierig… ähm ein bisschen zu fordernd ist er schon. Und er hat es nicht so mit dem Menschlichen. Er ist ein ernster Geselle.“

„Was mir hier immer zu kurz kommt“, sprach die Wirtin. „Das ist ein Fremder. Da redet keiner drüber. Wir haben hier einen Fremden für alles beauftragt und verraten ihm alle Geheimnisse der Stadt. Das kommt mir hier wirklich zu kurz. Wieso spricht niemand darüber? Dieser Fremde, sagen wir mal, er ist vom Feind, dann haben wir uns den Feind in die heiligsten Hallen geholt, wenn ihr versteht, was ich meine.“

Der Herr am Tresen schien erschrocken, nestelte an seinen Ärmeln herum.

„Wo Sie das sagen“, setzte Geyer an. „Wenn er wirklich als Agent die Strippen zieht, ergeben seine Taten urplötzlich alle Sinn. Was würde ein Agent besser machen können, um uns zu zerstören?“

„Das geht ja zu weit“, befand der Herr am Tresen. „Es wurde viel Gutes bewirkt. Denkt nur an die Sicherheit! Was haben wir noch vor einigen Monaten alles an fürchterlichen Unglücken beklagen müssen. Wir sind sicherer und auf lange Sicht wird uns das auch weiter schützen und wohlhabender machen.“

Darauf stieß Geyer einen verächtlichen Ton durch die Zähne aus und das Gespräch zog sich noch eine Weile.

Die Stimmung in der Stadt entging den Amtsinhabern nicht. Also richtete der Assistent der Bürgermeisterin Luzifer aus, man habe eine Agora anberaumt.

„Was ist das?“, wollte Luzifer wissen.

„Eine öffentliche Unterredung innerhalb des Stadtverbands, aber auch zwischen Amtspersonen und Bevölkerung“, verriet der Assistent. „Hier kann alles zur Sprache kommen, was den Anwesenden einfällt.“

Luzifer nickte interessiert.

„In diesem Fall werden wir es folgendermaßen machen: Erst einmal werden Sie die Rednerbühne betreten. Und später wird es etwas offener.“

Am Tag der Agora fand sich Luzifer im Rund ein. Etwa sechzig Teilnehmer hatten sich verstreut auf den Bänken niedergelassen. Er betrat auf Aufforderung des Assistenten der Bürgermeisterin die Bühne und begann, indem er fragte, ob jemand von den Anwesenden gerne etwas sagen, ein Stichwort liefern wolle. Nachdem er knapp eine Minute gewartet hatte, in der die Anwesenden ihn betrachteten oder in den Himmel schauten, begann er einen Monolog, um die Vorgänge und Maßnahmen der letzten Wochen zu erläutern und auf bekannte Kritikpunkte einzugehen. Nach einer Viertelstunde fragte er die zwanzig Anwesenden, ob es Anmerkungen oder Meinungen dazu gebe. Die Zikaden zirpten in der gleißenden Sonne, dann sagte ein Herr mittleren Alters: „Das mit dem Gletscher gefällt mir nicht. Das passt mir gar nicht gut rein. Meine Tochter arbeitet als Ingenieurin im Kraftwerk.“

„Und was ist das Problem?“, fragte Luzifer etwas scharf. „Das Kraftwerk soll noch weiterlaufen, bis wir es mit einer anderen Quelle ersetzen können.“

„Das höre ich zum ersten Mal“, rief der Mann. „Ich habe gehört, dass das Kraftwerk bald dichtgemacht wird.“

„Das ist nicht so.“

„Ach, das ist interessant. Das hätte man ja etwas klarer machen können“, sagte der Mann. „Dann bin ich ja beruhigt.“

„Aber es wird ja schon abgeschaltet, oder nicht?“, fragte ein anderer Mann.

„Es wird erst einmal gedrosselt, wie den öffentlich einsehbaren Auskünften zu entnehmen ist. Sollte es notwendig sein, wird es ganz außer Betrieb genommen. Das wird beobachtet und regelmäßig vom Naturphilosophischen Institut der Universität bewertet.“

„Das klingt etwas schwammig“, retournierte der Mann. „Und dafür dann riskieren, was sich bewährt hat? Ich weiß ja nicht.“

„Und dann ist unser Wohlstand auch noch bedroht. Ich fühle mich nicht mehr wohl“, sagte eine Frau. „Wir sollen bei all dem auch noch draufzahlen, weil mit unseren Steuergeldern ein paar Staubberge in der Ferne entfernt werden sollen. Was man davon hat, erschließt sich mir nicht. Ich bin da nicht so drin, aber warum sollten wir dafür bezahlen, dass am Ende der Welt Staub fortgebracht wird. Das zählt ja nicht mal zu unserem Gebiet.“

„Das ist ganz großer Mist, was wir hier machen“, rief Luzifer der Menge plötzlich zu. „Ihr verschließt die Augen. Bei allem wartet ihr, bis es sich nicht mehr leugnen lässt und darüber hinaus. Aus Bequemlichkeit und was weiß ich noch… Und wenn einer euch begründen kann, warum es hochgefährlich ist, dass ihr die Augen verschließt, sagt ihr, dass derjenige Probleme macht. Könnt ihr das nicht sehen? Was bringt euch das? Könnt ihr es nicht sehen?“

Er blickte in die Augen der Anwesenden, die ihn ruhig beschauten.

„Wenn ihr so mit all dem umgeht und keiner aufsteht, dann geht ihr unter. Und wenn einer aufsteht, dann muss er aufrecht stehen und nicht beim kleinsten Gegenwind wieder umfallen! Könnt ihr es nicht sehen?“

„Man muss das nicht immer so eng sehen und auf sich beziehen“, sagte eine alte Frau großmütterlich. „Da ist zu viel Schärfe drin.“

Nachdem die Menge das Rund verlassen hatte, kam eine junge Frau zu Luzifer, der zusammengesunken neben der Bühne saß. Sie sah ihn ein wenig mitleidig an.

„Dieses Ich gegen euch hat noch nie jemandem geholfen…“, sagte sie. „Das macht doch auch nicht glücklich. Ich verstehe, dass du dir Anerkennung wünschst, aber… naja, du weißt schon.“

„Es geht doch nicht um…“, fing Luzifer an, doch er verlor seine Worte, während er sprach. Er starrte die junge Frau an, bis sie ging.

Es brauchte einige Tage, ehe Luzifer den Antrieb fand, einen Plan in die Tat umzusetzen. Er hatte sich von dem Mädchen Veda in den Feuerkult einweisen lassen, obwohl sie bei vielem anmerkte, dass ihr der Grund für dieses und jenes nicht geläufig sei. Sie hatte ihm außerdem eine Robe mitgebracht. Ein einfacher schwarzer Überwurf mit Kapuze. Dazu trug man eine schwarze Maske, die nur die Augen halb in zwei Schlitzen sichtbar machte. Derart ausgestattet, stieg Luzifer im Hinterhof seines Wohnhauses eine versteckte Treppe hinab, folgte einem spinnenverwebten Tunnel und schob sich durch eine kleine Holzklappe am Ende auf einen Friedhof. Im Mondschein tummelten sich hier unzählige Figuren in schwarzen Roben und strömten auf ein tiefes, breites Tor zu wie auf ein geöffnetes Fischmaul. Dahinter führte ein breiter Gang in eine hohe Halle hinab, in deren Mitte ein loderndes Feuer nach der Decke leckte. Die Anwesenden versammelten sich in engen Reihen vor einem Podest, das dem Feuer vorgelagert war. Hierauf stand ein Priester mit einer hohen Kopfbedeckung und einer roten Schärpe über der Robe. Nachdem einige Rituale durchlaufen waren, die auch Veda nicht hatte erklären können und Luzifer daher bekannt, aber fremd waren, kündigte ein Bruch in der Stimme des Priesters den Hauptteil des Abends an.

„Wir wollen uns nun dem Beweger der Welt zuwenden“, rief er, die Hände in die Luft hochwerfend. „Wir wollen uns seiner Güte zuwenden, damit er sich nicht abwende.“

Zwei Verhüllte brachten eine breite Amphore und eine Karaffe auf das Podest. Der Priester nahm die Karaffe, schöpfte eine ölige Flüssigkeit aus der Amphore, stellte sich neben das Feuer.

„Gib uns ein Zeichen, wenn wir auf dem richtigen Weg sind, oh Herr der Maße, oh Reiniger der Seelen!“, sang der Priester und goss das Öl ins Feuer.

Die Flamme schnellte in die Höhe, und an der Decke sprangen Funken aus der kleinen Öffnung. Das spritzende Öl knisterte in der Luft.

„Der Beweger der Welt gibt uns seinen Segen“, verkündete der Priester feierlich. „Erfüllen wir unseren Dienst!“

Auf einer Sänfte brachten sechs Verhüllte eine Truhe, randgefüllt mit rohem Fleisch, hoch auf das Podest. Der Priester schöpfte mit beiden Händen einen Ball aus Fleischstücken.

„Wir bringen dir“, sagte er mit einem Zittern in der Stimme, „lebenspendender und lebennehmender Verschlinger, das Mondopfer dar. Gib uns in der Dunkelheit der Nacht die Weisheit der Ahnen, gewähre uns Geistesfrieden, weise uns unseren Platz und schenke uns Freiheit und Bestimmung! Mit der Gnade des Feuers!“

Nun gab er das Fleisch ins Feuer, das lustvoll zischte.

„Möge es nachwachsen und dich nähren!“, sprach der Priester.

„Möge es nachwachsen und dich nähren!“, wiederholte die Menge.

„Möge es nachwachsen und uns nähren!“, sprach der Priester.

„Möge es nachwachsen und uns nähren!“, wiederholte die Menge und verneigte sich.

Einmal mehr goss der Priester Öl ins Feuer, einmal mehr spritzte es knisternd umher. Dies war das Ende der Zeremonie, wusste Luzifer. Der Priester verließ das Podest. Also erklomm es Luzifer, doch ihm schwamm der Kopf von den Dämpfen und er konnte kaum einen klaren Gedanken fassen.

„Das dort oben ist höchstwahrscheinlich Gas, das entzündet wird“, sagte er schlicht und ohne Einleitung. „Je nachdem wie groß das Vorkommen am Ende des Tunnels ist, ist die Stadt in erheblicher Gefahr, vielleicht sogar der größte Teil der Insel. Es braucht nur eine unglückliche Vermischung mit Sauerstoff und das gesamte Umland könnte zerstört werden.“

„Blasphemie“, rief eine Anwesende.

„Verrückter“, rief ein Anwesender.

„Ein armer Tropf“, rief ein Dritter.

„Sei froh, mein Sohn“, sagte der Priester mit erhobenem Finger, „dass wir im Heiligtum keinen der Unsrigen ergreifen! Aber bedenke deinen Weg, mein Sohn! Bedenke ihn gut!“

Und die Halle leerte sich zum Ausgang hin, wo man nacheinander die Oblaten mit dem heiligen Fleisch zu sich nahm. Luzifer blieb eine Weile an Ort und Stelle stehen, bis er in der Masse an den Oblatenständen vorbeidrängte und als einer von Dutzenden aus dem Tor trat. In seiner Wohnung fasste er einen Entschluss und teilte ihn auch dem Mädchen mit. Am Ende des Monats würde er sich ins Ungewisse aufmachen. Zuvor wolle er seine Rolle noch zu Ende spielen.

Einige Tage später kam es zur ersten Lasergewehrattacke seit Inkrafttreten der Gesetze zur Erhöhung der öffentlichen Sicherheit. Zwei Menschen verloren ihr Leben, ehe der Angreifer von einem nahen Wachtposten handlungsunfähig gemacht wurde. Im Anschluss durchwalteten Ärger und Angst die Menschen in der Stadt. Beinahe im Flüsterton verbreitete sich eine gestutzte Miniaturwut, die nach einer Richtung suchte. Bald hinterfragte man gemeinsam die Maßnahmen des Gremiums. Bei der Eröffnung eines neuen Zentrums für ökologische Angelegenheiten, das der Stadtrat auf Luzifers Betreiben nach eigenen Plänen hatte entwerfen lassen, ergriff Wilmig im glattpolierten Foyer das Wort als Stellvertreter für die Allgemeinheit. In die Feierlichkeiten hinein fragte er, indem er in Luzifers Richtung sah: „Ist es richtig, dass wir hier feiern, wo erst vor Kurzem Menschen den verbohrten Gesetzen unserer Regierenden zum Opfer gefallen sind?“

„Nun, nun, kann das nicht warten?“, fragte Bürgermeisterin Innert.

In Luzifers halberstarrter Miene pulsierten und schlängelten sich die Gefäße auf der Stirn.

„Aber was ist denn mit den armen Seelen, die vor einer Woche ihr Leben bei dem schrecklichen Angriff verloren haben?“, fragte Wilmig. „Wenn hier Kritik zugelassen würde und nicht immer andere Meinungen niedergemacht würden, dann wären diese Leute vielleicht noch am Leben. Es sähe ganz anders aus, wenn nicht immer einfach im Alleingang Entscheidungen getroffen werden würden und man auch mal in Zusammenarbeit Lösungen suchen würde.“

„Hört, hört“, sagte Stadtrat Schnoder leise, bevor Wilmigs Worte noch einige Momente wie in einer Krypta nachhallten.

„Ich habe das ja nie unterstützt. Da sind andere in der Verantwortung“, flüsterte Stadträtin Wankel ihrer Assistentin zu.

Nun zuckten Luzifers Lider, der Rest des Körpers versteinerte und seine Augen wurden zuerst glasig, dann blutrot. Einen Moment lag scharf ätzende Stille im Raum. Sodann fingen Luzifers Haare an den Wurzeln helles Feuer. Dieses züngelte bis zu den Spitzen, worauf es auch aus allen Kopföffnungen stieb. Rasch brach es allenthalben durch die Haut und der ganze Mann glich einer leuchtenden Opferpuppe. Über lange bunte Zierfäden fraß sich das Feuer nach oben und in die mit Samt ausgeschlagene Decke. Binnen kurzem krachten geschnitzte Holzstreben zu Boden, rissen einen Kronleuchter mit sich. Die Anwesenden rannten um ihr Leben, schoben sich die Ellbogen in die Rippen, gelangten alle unbeschadet ins Tageslicht. Das Bauwerk brannte bis auf den Rohbau aus, und diesem Rohbau entstieg am Tag darauf Luzifer, am Leib noch in Brand und nur am Kopf zu erkennen. Er ging ruhig die Straße entlang. Die Flammen um ihn zogen sich sachte zurück, bis er sein Wohnhaus erreicht hatte und darin verschwand.

Eine Woche nach dem Brand standen zwanzig schwer bewaffnete Polizisten vor Luzifers Tür und teilten ihm mit, er sei festgenommen. Er solle unverzüglich ins Gefängnis gehen. Mit Luzifer an der Spitze erreichte der Tross das Gefängnis, wo man dem Gefangenen den Weg in seine Zelle wies. Der Stadtrat bestellte das Gremium zur außerordentlichen Gerichtsversammlung und überließ es den Mitgliedern, einen Hauptverantwortlichen zu bestimmen. Bei der allgemeinen Enthaltung fiel die Aufgabe dem wiederaufgenommenen Wilmig zu, der leicht verdutzt lächelte, nachdem er heute nach längerem ins Büro zurückgekehrt war und sich aus einer Laune heraus selbst gewählt hatte.

In den ersten Tagen der Gerichtsverhandlung noch führte Luzifer lange Argumentationsketten vor. Mit der Zeit aber geriet er in immer größere Starre, bis er apathisch in seiner Kabine saß und kaum noch eine Regung zeigte. Am Tag des Urteils fixierte er die Wand, als Richter und Staatsanwalt Wilmig Platz nahm.

„Nun, letztlich ist der Angeklagte haftbar für das Versagen seiner Maßnahmen“, las Wilmig im Amtston von seinem Obsidiantäfelchen ab. „Und der Schaden am neuen Gebäude muss nach eingehender Prüfung genauso dem Verantwortungsbereich des Angeklagten zugerechnet werden wie die vermeidbaren Tode der Opfer des kürzlichen, schrecklichen Angriffs. Wären diese nicht entrechtet worden und hätten sie die Möglichkeit zur Selbstverteidigung gehabt, wären sie wohl noch am Leben. Folglich ist der Angeklagte nach den Gesetzen unserer Stadt sowohl des mehrfachen Mordes als auch der vorsätzlichen Brandstiftung schuldig. Die Anklage fordert den Schierlingsbecher, der Volksrat eine lebenslange Gefangenschaft unter Auflage. Das Strafmaß wird in zehn Minuten verkündet.“

Nachdem sich das Gericht noch einmal beraten hatte, traten Wilmig und die anderen Richter gravitätisch zurück in den Saal.

„Wir verhängen im Namen des Volkes und seiner Gesetze den Schierlingsbecher gegen den Angeklagten“, verkündete Wilmig. „Doch geben wir dem Gesuch nach Milde statt und wandeln die Strafe in eine lebenslange Sicherheitsverwahrung um, solange sich der Angeklagte von seinem Verwahrungsort aus in den Dienst der Gemeinschaft stellt. Wir lassen damit Gnade vor Recht ergehen, weil wir den Streit, der unsere Gemeinschaft heimgesucht hat, gütlich beilegen und gemeinsam in eine bessere Zukunft blicken wollen.“

Als man den Störenfried eingesperrt hatte, kehrte der Frieden wieder ein. Mit den ideologischen Alleingängen war es nun vorbei. Luzifer diente nunmehr zwischen acht Uhr morgens und acht Uhr abends als Berater auf Abruf. Nach dem Ende der Dienstzeit schlug er den Kopf gewohnheitsmäßig eine halbe Stunde gegen die Gitterstäbe, sodass sich zwei Beulen auf seiner Stirn zeigten und über Wochen anwuchsen.

Eines Tages rüttelte Luzifer am Gittertor, nur um festzustellen, dass es unverschlossen war. Die Wachen, eine junge Frau und ein alter Herr, gafften ihn an, schienen nach Worten zu ringen. Luzifer trat aus seiner Zelle. Die Finger des Alten gaben kurz vor, in Richtung Schlagstock zu gleiten, doch sie fanden letztlich nur sein schütteres Haupthaar. Er kratzte sich und sah zu, wie sich seine Kollegin dem Gefangenen in den Weg stellte. Luzifer passierte sie und die junge Frau zuckte mit den Achseln. Auf diese und ähnliche Weise verließ der Gefangene das Gebäude und schritt unter den bangen Blicken der Stadtbewohner zum westlichen Stadttor und hinaus. Davor kam ihm der Händler Naram auf der Hauptstraße entgegen und klopfte ihm einmal auf die Schulter. Hinab ging Luzifer, die Straße entlang ins Tal, am Wald vorbei und weiter noch, bis er von den neugierigen Augen kaum noch zu erspähen war und von einer tiefen Klamm verschluckt wurde.

Wann immer sich nun Missgeschicke in der Stadt ereigneten, rechnete man sie dem Zorn des Flüchtigen zu. Rasch entstanden geflügelte Worte und eine Überzeugung reifte heran, dass man gerade noch rechtzeitig einem großen Unheilsbringer entronnen war. Mehr noch: Bald wusste man, dass die heutigen wie die vergangenen Probleme auf den Flüchtigen zurückzuführen waren, dessen üble und boshafte Energie damals jedes Fortkommen gehemmt hatte und bis in die Gegenwart fortwirkte. Manche verbreiteten die Erkenntnis, der Verschollene habe schon immer, auch vor seiner Ankunft, die Geschicke in böse Bahnen gelenkt und verkörpere all das Schlechte der Welt. Kaum war ein Jahr vergangen, da wussten es schon alle Kontinente: Luzifer, der Teufel, der Höllenfürst, ist schuldig am schrecklichen Treiben, und wer sich ihm anschließt, verdirbt die Gesellschaft und folgt dem schändlichsten Irrlicht.

Man hatte dem Händler nicht vergessen, dass er den Teufel in die Stadt gebracht hatte, und tat das Äußerste, um ihn bei seinen Besuchen von den Menschen fernzuhalten. Bald belegte man ihn mit einem Handelsverbot innerhalb der Grenzen der Stadt und ein allgemeiner Bann war auf dem Weg. Hierauf begann der Händler Reden auf dem großen Platz zu halten, die immer wieder von Wächtern unterbunden werden mussten. Nach der ersten Rede schloss sich Veda dem Händler an und sie entschieden, Luzifers Andenken gemeinsam hochzuhalten. Es dauerte nicht lange, bis Polizisten vor den Händler traten und ihn aufforderten, für Handlungen im Geist des Teufels ins Gefängnis zu gehen. Das Mädchen dagegen solle seine Schuld in einer der Warenhallen tilgen. Der Händler willigte freundlich ein und reiste dann am Abend mit dem Mädchen durch das Westtor ab.

Als sich die beiden Tage später auf einem Schiff einquartiert hatten, das den Osten anlief, blickte das Mädchen ungläubig in das Lichtschimmerflackern auf dem weiten Meereshaupt.

„Kannst du mir richtig schreiben beibringen?“, fragte sie den Händler. Das gleißende Licht sammelte sich auf ihrem schwarzen Haar wie eine Krone.

„Das kann ich“, antwortete Naram. Eine Weile später schob er hinterher: „Warum möchtest du richtig schreiben lernen?“

„Ich möchte alles aufschreiben“, erwiderte Veda.

„Was alles?“

„Alles, was ich gesehen habe, und alles, was ich noch sehen werde, und alles, was war und ist.“

„Warum?“, fragte der Händler.

Das Mädchen schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht. Ich möchte es einfach. Ich möchte, dass die Worte das Hier und Dort, das Damals und das Jemals verbinden. Alles muss verbunden werden, weil alles verbunden ist. Alles, was verbunden ist und wie es verbunden ist. Alles, damit es bis in alle Zeiten bekannt ist.“

Naram nickte. „Wenn es sich richtig anfühlt. Doch ganz gleich, was du aufschreibst. Es wird, glaube ich, in mehr Hände kommen als Köpfe oder Herzen.“

„Das ist nicht meine Sache“, entgegnete Veda. „Niemand sollte einfach alles glauben, was ich aufschreibe. Und niemand sollte glauben, dass er alles Geschriebene versteht.“

„Doch beides wird passieren, und noch mehr. Ganz gleich, was du aufschreibst! Ich kann heute hier sagen, dass wir über das Meer fahren, und ich kann allen Leuten drüben erzählen, wir seien über das Meer gekommen, und es reicht einer, der laut und oft verkündet, dass wir aus dem Mehl gekrochen sind, und wir werden für die Nachwelt Menschen mit Leibern aus Brot. Verstehst du?“

„Das ist genauso wenig meine Sache“, antwortete Veda.

„Da hast du eigentlich Recht“, sagte Naram.

„Ich bin mein ganzes Leben kaum weiter als drei Straßen gegangen. Und jetzt fahr ich übers Meer“, sagte Veda später mit Blick auf den weiten Horizont. „Das ist irre.“

„Freust du dich?“, fragte Naram.

Veda zuckte mit den Achseln.

Naram schmunzelte und sagte: „Ja, ich weiß auch nicht. Es ist seltsam, seine Heimat zu verlassen, aber ich bin auch neugierig.“

Einige Jahrzehnte nach diesem Geschehen kam es in der Stadt auf der Insel zu einem Unglück von abscheulichem Ausmaß. Eine tiefe Bohrung nach Erdöl durchbrach die Wand einer unterirdischen Gashöhle. Innerhalb weniger Minuten pflanzten sich Flammenwirbel eines ehrwürdigen Feuers über einen Tunnel fort bis in die Gashöhle. Mit einer weithin hörbaren Explosion wurden die Häuser darüber hinweggefegt, und auch der tief verborgene Wassertank, in dem der alte P mit offener Fleischwunde am Bauch künstlich am Leben gehalten wurde, verglühte mitsamt Inhalt. Der Himmel verdunkelte sich über der Stadt und ein vernichtender Brand, zweifelsohne vom Höllenfürsten Luzifer selbst geschickt, wie es in den Wehklagen der Bürger hieß, verzehrte die Stadt innerhalb zweier Tage.

Ein knappes Viertel der Bürgerschaft überlebte, indem man sich ins Tal flüchtete und von dort mit Asche bedeckt dem Glimmen auf der Anhöhe zuschaute. In den Nachwehen der Katastrophe trennten sich einige vom Bürgerverband und suchten ihr Glück anderswo. Andere beschlossen, umherzuziehen und sich gemeinsam an einem neuen Ort niederzulassen. Leidlich und geschieden lebten diese Vertriebenen bis an ihr Lebensende.

Ein Jahrhundert später brachte der Einsturz eines fernen, vergessenen Berges die angewachsenen Ozeane in Wallung und eine große Flut verschlang die große Insel vor Europa. Von Atlantis überdauerten vage Ahnungen und die Figur des Teufels in den Untiefen der Welt, dessen scheußliche Gestalt die Jahrtausende in mannigfaltigen Sagen überlebte und auch im 21. Jahrhundert noch die Ruhe stört.

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.