Vom Stamm gefallen
Gero Rückert frühstückte Haferporridge mit Früchten auf der Aluminiumfensterbank seines Innenstadtlofts, blickte auf den Fernsehturm. Als hätte man eine Stahlbetonnadel von unten durch die Öse gefädelt, stand er aufrecht und mächtig über den Dächern des mittelalterlichen Stadtkerns. Ein Schluck Orangensaft, den schwarzen Kaffee heiß hinabgestürzt, hinaus auf den Pflasterstein. Vor dem Haus kauerte der alte Bettler, eine wilde Kreatur in einem zerschlissenen grauen Hemd, am Haupt und im Gesicht von ergrauendem Blondhaar überwuchert. Seit Jahren hauste er zwischen dem silbergraugerahmten Eingangskasten und einer Sitzbank. Heute sprach Gero ihn aus einer Laune heraus zum ersten Mal an.
„Was soll das eigentlich werden?“, fragte er.
Der Alte grunzte verschmitzt lächelnd. In seinen Augen stand Spott.
„Du könntest dich nützlich machen und dich und uns von deinem Anblick befreien.“
Nun kniff der Alte die Augen zusammen und kaute auf etwas in seinem Mund herum.
„Du willst also Klartext“, setzte Gero an. „Gut... weißt du, bei aller Achtung vor dem Leben und solchen Dingen: Menschen sind wie alles andere auch Nutzgegenstände. Man kann uns nicht darauf herunterbrechen, aber das ist klar. Da gibt es kein Dranvorbei. Und insgesamt nennt sich das Wirtschaft. Hast du schon mal gehört, hmm?“
Gero hielt kurz inne, forschte im Gesicht des Alten.
„Und du hast keinen Nutzen... Was erntest du mit deiner Nutzlosigkeit außer Eiterschorf am Bein, Schnaps und vielleicht mal ein paar Brotkrumen? Und wir anderen müssen für dieses bisschen Leben deinen Gestank ertragen.“
„Und dir hat man heute frei gegeben?“, gab der Alte mit belegter Stimme zurück. „Du Glückspilz!“
„Es ist Sonntag. Aber das kommt dir nicht in den Sinn. Wie sollte es auch, wenn du die Kontrolle über dein Leben verloren hast? Du lungerst rum und verdienst dir nicht mal die paar Meter hier auf der Straße. Und wenn alle sich so benehmen würden, was dann? Wenn keiner Arbeit leistet und kein Geld zirkuliert, wer wirft dir dann noch den Euro hin? Hast du darüber schon mal nachgedacht? Erst durch die zirkulierenden Geldströme kannst du asozialer Typ bei der Tafel essen. Und du leistest aus Faulheit trotzdem nichts. Solche wie dich werde ich ehrlich nie verstehen.“
„Ich habe Arbeit“, erwiderte der Alte.
„Ach ja? Was für eine?“
„Eine wichtige.“
Gero lachte.
„Stand das so in der Jobbeschreibung?“, fragte er. „Gesucht wird ein Experte für wichtige Arbeit?“
„Ich musste nicht suchen“, sagte der Alte, indem er sich abwendete. „Grüß deine Eltern und lass mich jetzt in Ruhe! Ist ja Sonntag.“
Er schien einzuschlafen, schnarchte schon. Gero schaute eine Weile auf ihn herab, ehe er losging. Der Weg ins Stadthaus der Familie führte ihn am verglasten Bürogebäude seiner Kanzlei vorbei. Er konnte unmittelbar hineinsehen, auch in sein Büro, blieb mit dem Blick am solarbetriebenen Wandkalender hängen. Aus der Distanz konnte er es nicht sehen, aber das Display verriet die Temperatur, die Uhrzeit, Mails, unbearbeitete Akten und die Aktienkurse. Eine alberne kleine Spielerei, ein Geschenk von den Kollegen, aber nicht unhilfreich. Einige Häuser weit entfernt stand eine Kirche. Sie war steinern und abgeriegelt, kostete Raum. Gero runzelte die Stirn. Gegenwart, ein trügerischer Burgfrieden mit der primitiven Vergangenheit. Er machte sich nichts vor. Der Wahnsinn würde ihn überleben.
Im elterlichen Wohnzimmer lagen mehrere Stapel Papier, Studien, Exzerpte von Fachliteratur, handschriftliche Gedankensammlungen. Durch die hohen Fenster fiel Tageslicht ein. Gero störte sich daran, dass seine Eltern, so untadelig sie auf ihrem Gebiet sein mochten, noch nicht hinreichend digitalisiert waren. Unweigerlich mussten die Folgegenerationen solche Mängel der Vorderen ausradieren. Bald aß man Lauchsuppe und danach Rübeneintopf. Herr Prof. Rückert und Frau Prof. Rückert löffelten, unter ihrem Sohn zerfallend, lethargisch aus den Schüsseln.
„Es ist trüb“, sagte Herr Prof. Rückert.
„Es ist heiter draußen“, entgegnete Gero irritiert, doch als er durch die Bogenfenster schaute, war die Straße davor diesig und dunkel.
„Die Launen deines Vaters machen vor nichts Halt“, scherzte Frau Prof. Rückert. „Ein gutes Beispiel für Psychokinese.“
„Hmm“, machte Gero und bemerkte bald: „Es gab doch sonst sonntags Braten.“
Frau Prof. Rückert rückte die strenge Brille zurecht. „Nun nicht mehr.“
„Woran liegt's?“
Herr Prof. Rückert winkte ab. Seine Frau antwortete: „Es ist eine ethische Entscheidung, auf Überdruss gegründet. Wir möchten uns ein wenig aus dieser Weltfabrik zurückziehen. Auch das feinste Fleisch kommt heute von kranken Tieren.“
„Hmm“, machte Gero. „Die Weltfabrik stopft unsere Mäuler... aber ich erinnere mich da an einen Artikel. Beschleunigte neuronale Nekrose durch industrielle Ernährung. War es nicht sowas in der Art? Folglich nicht nur Ethik. Eine späte Übernahme deiner Arbeit in das eigene Leben.“
„Du willst den Artikel gelesen haben? Ich bin sicher“, versetzte Herr Prof. Rückert, „du bist der medizinisch Versierteste in deiner Kanzlei.“
„Du kannst dir deine passiv-aggressiven Anklagen sparen“, erwiderte Gero. „Ich bin nicht haftbar für deine Unzufriedenheit.“
„Nun aber“, warf Frau Prof. Rückert ein.
„Hatten wir nicht auch mal eine Suppenkelle für hier?“, fragte Herr Prof. Rückert.
„Hmm?“, machte Gero, blickte sich um. „Die Kreuzworträtsel auf dem Stuhl dahinten sind alle nicht fertig.“
„Tja, dein Vater, ein Übermaß an seneszenten Neuronen“, klagte Frau Prof. Rückert. „Da ist es dann auch mit der kristallinen Intelligenz schnell vorbei.“
Herr Prof. Rückert schob die halbvolle Schüssel Eintopf von sich, lehnte sich schlaff zurück.
„Es ist Zeit“, befand Frau Prof. Rückert aus dem Nichts. Ihre wässrig blauen Augen stachen. Herr Prof. Rückert richtete sich sogleich wieder auf, ging aus dem Zimmer.
„Zeit wofür?“, fragte Gero.
Frau Prof. Rückert stand ebenfalls auf, schritt an der Bibliothek aus Eichenholz vorbei, passierte Pschyrembel, Kandel und von Glasersfeld. Aus der verschlossenen Truhe hinter dem Flügel holte sie einen alten Türschlüssel.
„Wir gehen in den Keller“, sagte sie.
Gero stutzte.
„In den Keller?“, fragte er ungläubig.
Herr Prof. Rückert trat, vom Salon hereinkommend, wieder ein, hielt einen Stab, an dessen Ende ein Drache als Silberstatuette saß. Frau Prof. Rückert nahm Gero bei der Hand.
„Nun komm!“, sagte sie. „Was dich deine ganze Adoleszenz hindurch umtrieben hat, soll nun keine Faszination mehr ausüben? Komm schon! Keiner wird je seine frühkindlichen Lasten los.“
„Die paar alten Spielzeuge und mottigen Möbel. Was soll denn da für mich Spannendes drin sein?“, wollte Gero wissen, doch er führte seine Mutter schon durch den breiten Hausflur, entlang der Sammlung von Ramón y Cajals Gehirnzellenschraffuren, vorbei an Auszeichnungen und Anerkennungsschreiben. Herr Prof. Rückert trottete hinterdrein. Man ging durch die chromglänzende, geräumige Küche. Am Ende folgte die Wendeltreppe ins private Labor. Gero erinnerte sich daran, wie er sich früher hineingestohlen hatte und ausgeschimpft worden war. Sie stiegen zu dritt die Treppe hinab, überwanden das Labor bis zur schmutzigen Lattentür, die halb in einer Vertiefung verborgen lag.
„Lass die Brille hier, Gero!“, befahl der Vater, während die Mutter aufschloss.
Gero legte die Brille neben das nahe Waschbecken.
„Gehen wir es an!“, sagte die Mutter feierlich.
Sie durchschritten die tiefe Kellertür, wandelten einen dunklen Treppengang hinab in die Tiefe. Er schien sich immer tiefer in die Erde zu bohren.
„Und hierfür sollte ich die Brille abnehmen?“, fragte Gero. „Soll ich mir die Knochen brechen?“
Die Eltern gaben keine Antwort. Die Mutter ging ihm voran, an Rücken und Hinterkopf kaum noch vom grellen Laborlicht beschienen. Der Vater folgte, trat Gero beinahe in die Hacken. Am Ende der Stufen war unebener Boden, der unter einer tiefhängenden Decke in einen beleuchteten Tunnel mündete. Entlang des Tunnels hingen Fackeln in rostigen Halterungen.
„Was ist das, Papa?“, fragte Gero.
Die Eltern bedeuteten ihm, ihnen zu folgen.
„In einem der Labore im Nebengang bewahre ich schon immer unser Panazee auf“, sprach die Mutter. „Heilung sämtlicher Krankheiten garantiert. Ohne das neumodische Gift aus den Spritzen.“
Gero stutzte. „Du machst Witze.“
„Keineswegs. Oder bist du je krank gewesen?“
„Und die jahrelange Forschung in der Impfstoffentwicklung?“
„Ja, nun das. Jedes wackere Herz muss eine gewisse Zeit unter Feinden leben können. Das Schicksal bringt uns an die verrücktesten Orte. Bei dir habe ich immer nur Heilkräuter und Steine verwendet. Ehrenwort!“
„Die Leute haben verschlungene Pfade zur Wahrheit errichtet und sich dabei natürlich verloren“, sprach der Vater dröhnend. „Und was wirklich wahr ist, blieb versteckt in Irrtümern übrig. Die Hexen von einst waren nicht irgendwelche Heilerinnen, wie man heute verbreiten. Sie hüteten eisern unser altes Erbe und zahlten dafür mit ihren Leibern. Das ist die reine Wahrheit.“
„Papa, du bist doch radikaler Konstruktivist“, sagte Gero. Er hatte das Gefühl, die Wände würden seine Worte aufsaugen. „In einem deiner Bücher heißt es doch irgendwie so: Wahrheit ist nichts als eine Illusion zwischen afferenten Nerven und vergesslichen Gedächtnisplättchen.“
„Bei den Unberufenen, ja, aber diesen Tunnel hat es schon immer gegeben und auch solche, die ihn finden und ihm folgen“, gab der Vater zu verstehen. „Die meisten Bücher leiten uns fehl. Das ist gemeint. Warum sagen sie, dass der Pazifik zwischen Japan und den Staaten liegt, wenn man doch über zwanzig Stunden dazwischen fliegen muss?“
Gero seufzte tief. „Ihr seid die Strecke sogar schon geflogen, beide zusammen. Das sind vielleicht knapp zwölf Stunden.“
„Es dauert über zwanzig Stunden, weil man über den Atlantik fliegt.“
„Und Magellan ist wohl auf der sogenannten Weltumrundung auch nur zufällig ums Leben gekommen“, sagte die Mutter, nunmehr an Geros Seite. „Wer zu nah an den Rand fährt, kann sich nicht beschweren. Aber es soll ja nicht sein, was nicht sein soll. Und so hören wir in der Schule und in den Medien die Lügen.“
„Was?“, fragte Gero.
„So eine Krümmung des Horizonts am Gipfel beweist ja nun auch nichts“, schloss der Vater an. Er fand sich auf der anderen Seite ein. „Es ist klar, dass es sich um eine optische Täuschung handelt, weil die Luft in der Höhe dünner wird.“
Allenthalben mischten sich Tropfgeräusche in die Stille der Steinmauern.
„Wohin gehen wir?“
„Wir folgen treu dem Pfad, der uns in den Leib geschrieben ist“, antwortete der Vater. Gero sah nur sein Kinn im Augenwinkel.
„Bitte?“
„Frag nicht so dumm!“, knurrte der Vater. „Die Berufung kann man nicht verschwinden machen. Sie steckt uns in den Leibern.“
„Berufung? Was willst du damit sagen?“
„Das weißt du selbst hoffentlich am besten“, entgegnete der Vater. „Ich meine den Ruf aus der unergründlichen Tiefe, dem wir folgen.“
„Du bist jetzt also gläubig geworden. Ich fass es nicht“, spottete Gero. „Was machen wir also wirklich? Gehen wir den Passionsweg zu einer Höhlenkapelle und beten zum Jesulein?“
„Hör doch auf!“, rief der Vater. „Was verstehst du eigentlich? Du stellst dich selbst bloß und uns gleich mit dazu. Nur zersetzende Lehren kennst du. Glaube, pff, Tatkraft, sag ich, und Stärke und Reinheit. Wir müssen uns ergreifen, mit Haut und Haar, und das Schicksal unserer Leiber tragen. Seitdem wir Türken und Ungarn abgewehrt haben, seit wir die Gallier vertrieben und den Römern in unseren dichten Wäldern getrotzt haben, zieht sich der Faden durch unsere Leiber bis zum heutigen Tag.“
Sie traten in eine Halle, zur Decke hin von Felssäulen getragen, in Fackellicht entbrannt. An der Flanke lehnte ein Steinriese, über zehn Meter hoch, gekrönten Hauptes. Die Krone des Steinriesen war mit dicken Wurzeln verwachsen, die, kräftig aus der Decke treibend, in den Kopf des Riesen vordrangen. Die Mutter bemerkte Geros offenen Mund.
„Da wartet er auf den Zeitpunkt der Wiederkehr“, erklärte sie.
„Sei still!“, fuhr der Vater seine Frau an. „Noch ist Saatzeit, ist Opferzeit.“
Er packte den Sohn, der sich unverzüglich losriss.
„Lasst mich in Ruhe mit diesem Quatsch!“, rief Gero. Die Wände brachen jedes seiner Worte. „Ich gehe zurück und brauche nie wieder in den Keller. Einmal hat mir gereicht. Vielen Dank!“
„Gero, Sohn, warte!“, sprach der Vater, unversehens süßlich. „Ich habe dich nie um etwas gebeten, wie du weißt. Im Gegenteil, ich wollte dir immer ein fürsorglicher Vater sein und habe mich mit nicht wenig Opfern für dich eingesetzt, obwohl du doch ein ebenso liebes wie schwieriges Kind warst, wie du weißt. Erinnerst du dich? Wir stehen als Familie doch immer treu füreinander ein. Daher habe ich für dich in deiner Kanzlei gebürgt. Ich kenne ja den Beirat Streicher, dessen Blättchen viele meiner Artikel veröffentlicht hat. Treu war ich dir. Und so treu wir zu dir sind, Sohn, sei doch mit uns treu! Komm mit uns, wenigstens noch ein Stück! Für deine arme Mutter.“
Hatte der Vater Recht? Gero erschienen die Worte nicht überzeugend, doch der Vater redete so verbindlich und die Mutter wirkte tatsächlich bekümmert. Für den Anschein wenigstens wollte er ihnen folgen.
Der Vater führte Frau und Sohn in eine kleine Vertiefung im Boden, die in einen Tunnel überging. Bald folgten steile Treppenstufen. Schwaches, grünliches Licht beschien den finsteren Boden. Der Vater wies sie durch ein Loch in der Wand ins Freie, wo die Welt unter einem Baumgiganten geplättet lag. Vom knorrigen Stamm aus durchwucherten Äste Himmel und Erde, eine weite Wiese überschattend, erdrückend. Daneben befand sich ein kleiner Quellsee. Ein Duft von Moos und Anbeginn, darin, durchaus nicht verborgen, lag übler Moder. Auf den Wurzeln saß ein bärtiger Mann, großenteils ergraut, hier und da noch blond, in einen schmucklosen grauen Leinenkittel gehüllt, der von einer Spange gehalten wurde. Als er die Ankommenden sah, erhob er sich. Der Vater überreichte den Stab.
„Dank sei dir, Hildebrand!“, sagte der Mann, schlug den Stab einmal sachte in die Handfläche. „Dank auch dir, Skuld!“
Der Vater kehrte zurück neben den Sohn.
„Ich bin Dietrich, Diener im Wassermannzeitalter, Mittler zwischen den Reichen“, sprach der Mann. Er wandte seine grauen Augen Gero zu. „Wir kennen uns schon lange. Nun bin ich hier, um ein Urteil zu verkünden.“
„Was?“, spie Gero aus. „Ein Urteil? Worüber?“
„Deine Furcht verrät dich. Du weißt worüber. Ich werde dich anhören und dann entscheiden.“
„Du willst mich anhören und ein Urteil sprechen? Du? Gerade du? Mach dich doch nicht lächerlich!“
„Verteidige dich oder lass es sein!“
„Ich kann mich nur gegen eine Anklage verteidigen“, gab Gero zurück, lachte innerlich über den Alten. „Wie lautet sie?“
„Wenn du es so genau nehmen willst: Ich sehe bei dir Werteverfall, Eigensinn, Entartung.“
Gero besann sich, rieb sich die Augen. Hatte der Alte nicht nur einen Zweig in der Hand? Er fühlte sich erstarken, lachte.
„Das sind keine Tatbestände, das sind Werturteile und wirres Gewäsch“, entgegnete er mit vorgestreckter Brust. „Ich kann und will mich nicht gegen Spinnereien verteidigen.“
„Wie heißt es bei euch? Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“, sagte Dietrich langsam. „Und dies wiegt schwerer. Es ist kein Staatsgesetz, vor dem du Unkenntnis beweist, sondern ein Blutgesetz, das du verkennst.“
„So ein Unsinn“, rief Gero.
„Nichts ist weniger Unsinn als das Gesetz des Blutes. Wenn ich dir einen Speer durch den Rücken jage, was denkst du? Schmerz denkst du, Schmerz bist du, und nichts anderes. Du kannst den Schmerz nicht verkennen. Du bist dem Leib hierhin gefolgt und willst ihn dennoch nicht kennen, obwohl er dich dein Leben lang geführt hat.“
„Was ist das hier?“, rief Gero. Seine Augen quollen hervor. Er starrte seine Eltern an. „Ist das ein schlechter Scherz? Macht ihr neuerdings Laientheater?“
Es gab keine Antwort.
„Kommt schon! Ihr spielt doch nur schwachsinnig.“
Wieder keine Antwort.
„Dass du, gerade du, vom schwachen Sinn sprichst, zeigt, dass dich das Denken vollends verdreht hat“, sagte Dietrich ruhig. „Wir werden dich der Wasserprobe unterziehen.“
Geros Körper wurde schwer.
„Ist dein Blut verderbt und geronnen, gehst du unter. Ist es rein, wirst du auftauchen“, erklärte Dietrich und zeigte auf den Baum. „Unser Herz kennt das Urteil.“
„Euer Herz ist morsch und fault“, hörte Gero sich sagen.
„Hier liegst du einmal richtig“, erwiderte Dietrich mit Gram in der Stimme. „Unser Herz leidet seit langem. Es welkt und alles Gute in der Welt mit ihm. Wer sieht noch mit eigenen Augen, was recht ist? Doch mit seinem Holz wird der Weltenbrand entfacht werden. Bevor es verschwindet, wird alles in die Flammen mitgerissen. Und wenn es uns die Haut einkocht und die Knochen zum Knacken bringt, unser Blut, sein Blut wird nicht verschwinden, ehe nicht auch das Universum unter unserem Willen zerfällt.“
„Berufen sind wir zu herrschen mit dem Kaiser im Friedenshimmelreich und werden es, wenn der Untergang zum Aufgang wird“, sprach Dietrich und verkündete, zum Vater gewandt: „Dein Sohn ist und war nie etwas anderes als ein verkapptes Kuckuckskind, dem Leib nach euer Sohn, im Kopf ein Aschkenase.“
Der Vater nickte.
„Du bist hirnverbrannt“, schrie Gero den Vater an. „Wie tief du gefallen bist! Wie tief... Es ist eine Schande.“
„Ruhig“, gebot der Vater mit tiefer Stimme.
Gero sprang heran, wollte den Vater ohrfeigen. Der Vater hingegen hob kurz die Hand, packte fest zu, warf den Sohn zu Boden.
„Wer die Hand gegen den Vater erhebt...“, kam es vom Baum her. „Du weißt es. Nun muss er zahlen.“
„Mein Sohn, es schmerzt mich ehrlich. Dein Blut ist an dir verschwendet“, sagte der Vater, indem er die Hemdsärmel umkrempelte. „Weil du mich verkennst, uns und deine gute Mutter, weil du deinen Leib mit Mode entweihst, wirst du jetzt verschwinden. Aber keine Angst! Wir werden dich unverfault im Röhrchen bewahren.“
Gero machte kehrt, rannte, stürzte in den Tunnel. Er sah die Fackeln nur verschwommen, stolperte. Schuhe klopften hinter ihm auf den Stein. Hinter ihm schnappte etwas, packte ihn, biss ihm ins Genick.