PS 1: Der Mensch in der zyklolinearen Welt
Seit den frühesten Anfängen historischen Denkens fragt sich die Menschheit, ob sich Geschichte regelmäßig in Zyklen wiederholt oder ob sie einen einzigartigen, linearen Prozess darstellt.
Die Stoiker glaubten in der Antike an eine identische Wiederholung der Geschichte, wodurch der gesamte Verlauf der Ereignisse nichts weiter als eine Endlosschleife wäre. Hindugesellschaften oder die Maya teilen die Geschichte in strukturähnliche Zyklen ein. In diesen zyklisch organisierten Vorstellungen finden sich lineare Aspekte. So wechseln sich die Yugas, die Zeitalter des Hindukosmos, zwar in geregelten Abständen ab, doch sie sind von einer Abnahme des Dharma und folglich von einem Tugendschwund bis ins letzte Zeitalter vor dem Neubeginn gekennzeichnet.
Mit den heilsgeschichtlichen Ideen des Zoroastrismus und der abrahamitischen Religionen wurden in vielen Teilen der Welt Geschichtsbilder dominant, die von einem einmaligen Ziel am Ende der irdischen Geschichte ausgehen. Hier ist jedes Ereignis ein Schritt auf dem Weg zur himmlischen Zäsur. Humanismus, Aufklärung und Moderne übernahmen diesen teleologischen Aspekt, doch sie stellten den Menschen in den Mittelpunkt seines eigenen Handelns, sodass er selbst für den Verlauf der Geschichte mitverantwortlich wurde. Menschheitsgeschichte galt vielen Generationen fortan als zielgerichteter Zivilisationsaufstieg aus der Primitivität in eine nicht einstimmig definierte Perfektion.
Akademische Geschichtsbilder der Postmoderne betonen dagegen häufig die Kontingenz der Geschichte. Letztere erscheint asymmetrisch, fragmentiert und konstruiert. So fordert Hayden White „eine Geschichte, die uns Diskontinuität lehrt, denn Diskontinuität, Brüche und Chaos sind unser Los.“ Regelhaftes an der Vergangenheit tritt in den Hintergrund, derweil man den Blick auf die Einzigartigkeit historischer Mikrobilder richtet, metawissenschaftlich arbeitet oder die Deutungshoheit von Narrativen problematisiert.
Währenddessen überdauern historische Regelbegriffe wie Wiederkehr und Fortschritt sowohl in der Öffentlichkeit als auch in eher traditionelleren Geschichtsbildern. Trotz postmoderner Kritik und akademischer Detailblicke ist die Bedeutung von historischen Regelvorstellungen bis heute ungebrochen.
Die Wiederholung von Mustern
Verzichtet man auf den reinen Glauben an ewige Zyklen, ist eine identische oder strukturgleiche Wiederholung der Gesamtgeschichte ein nicht feststellbares Postulat.
An der tatsächlich zugänglichen Historie orientierte zyklische Geschichtsbilder registrieren deshalb vielmehr eine historische Neigung zur Wiederholung von Mustern. Diese manifestieren sich in je anderen Umständen und auf spezifische Art und Weise. Kulturzyklenschemata wie bei Ibn Khaldun, Giambattista Vico oder Oswald Spengler teilen beispielsweise die Biografie menschlicher Zivilisationen mit je eigenen Konzepten in Phasen des Aufstiegs und des Verfalls ein. Dabei sind sie trotz ihrer jeweiligen Anwendungsbereiche nicht auf eine bestimmte Zivilisation verpflichtet, sondern weisen gerade darüber hinaus, indem sie Anwendbarkeit auf jede Zivilisation beanspruchen. Zyklische Geschichtsbilder wie diese offenbaren demnach ein Bewusstsein für übergeordnete, wiederkehrende, die Historie durchwaltende Prinzipien.
Für diese Auffassung bietet die natürliche Welt einen festen Ankerpunkt. Gesetzmäßigkeiten wie die planetaren Bewegungen um die Sonne oder der Wasserkreislauf bilden einen äußeren Rahmen für die Entfaltung von Lebewesen und somit auch für den Menschen. Auf diesem Feld der Gesetzmäßigkeiten rufen körperliche Bedürfnisse wie Schlaf, Hunger, Durst oder Fortpflanzung seit Millionen von Jahren ähnliche Verhaltensweisen in tierischen und menschlichen Individuen und Gruppen hervor.
Viele wiederkehrende Prinzipien finden sich auch in der menschlichen Psyche, ohne dass sie direkte Folgen biologischer Triebe sind. Unabhängig von den jeweiligen Umständen sind zum Beispiel menschliche Beweggründe für die Akkumulation von Macht von ihrem Menschsein begrenzt. Die zugrundeliegenden Beweggründe – zum Beispiel Kontrollbedürfnis, Sicherheitsstreben, Selbstbestätigung, Sadismus, Gier oder politische Ideale – sind je nach Individuum und Zustandekommen zwar vielleicht einzigartig kombiniert, aber in ihren Teilen allgemeinen Ursprungs. Im Machtspiel lassen sich deshalb epochenübergreifende und somit zyklische Muster menschlichen Denkens, Wollens und Handelns erkennen.
Aus den psychischen, biologischen, chemischen und physikalischen Gesetzmäßigkeiten ergeben sich also strukturähnliche, wiederkehrende Muster. Diese manifestieren sich auf historischer Ebene in unterschiedlichen, aber verwandten Bedingungen, Ereignissen und Handlungen. Die Beteiligten und ihre Instrumente wandeln sich wie ihre Umgebung, doch der Fortbestand der Muster ruft immerzu historische Parallelen hervor.
Entwicklung in der Wiederholung
Während Welt und Geschichte demnach gewissermaßen eine Tendenz zur steten Wiederholung eingeschrieben ist, können bestimmte Ereignisse nachhaltig den Rahmen beeinflussen und neue Bedingungen schaffen, die wiederum ein Muster kontinuierlichen Fortschreitens begünstigen. Ob absichtlich oder unabsichtlich, gerichtet oder ungerichtet, dieses Fortschreiten beschreibt eine lineare Entwicklung.
So basiert die Ausdifferenzierung von Tierarten durch evolutionäre Prozesse auf der einzigartigen Rekombination bestehender Gene, Mutationen und der anschließenden Selektion nach Angepasstheit an das Milieu. Neue Arten entwickeln sich und aus diesen neuen Arten wieder neue. Das Erbgut bedingt eine Wiederholung von Merkmalen, doch der genetische Pool und der Durchschnitt der Erscheinungsformen können sich vom Durchschnitt der Ausgangsformen wegbewegen, wenn Varianten neue Nischen erschließen oder die Besetzung der alten Nische optimieren. Der Prozess der natürlichen Evolution ist zwar ungerichtet und aufgezweigt, aber in Bezug auf die Veränderung der Geno- und Phänotypen linear.
Sämtliche Linearität der natürlichen Evolution spielt sich dabei im zyklischen Rahmen ab. Bei der Entstehung neuer Individuen innerhalb einer Art kommt es beispielsweise entweder zu einer Kopie oder zu einer Rekombination bestehender DNA. Milieus bleiben wiederum oft über lange Zeiträume hinweg konstant, sodass die neuen Individuen wie ihre Vorläufer mit dem gleichen oder einem sehr ähnlichen Umfeld in Kontakt treten.
Die menschliche Geschichte hat innerhalb weniger Jahrzehntausende viele lineare Entwicklungen hervorgebracht, die wir heute in ein Konzept kultureller Evolution einfassen können. Dazu gehören die wissenschaftliche Erschließung der Welt, technologische Durchbrüche, soziale Vernetzungsprozesse, die Herausbildung von in Ansätzen universellen Rechtssystemen, gesellschaftliche Befreiungs- und Gleichstellungskämpfe, gestiegene Alphabetisierungsraten und breitere Bildungsangebote, aber ebenso potentere Waffen, größere Zerstörungskräfte, weitreichendere Kontroll- und Überwachungssysteme und angewachsene Alltagsansprüche.
Die linearen Aspekte der menschlichen Kulturgeschichte sind ebenso wie die Prozesse der natürlichen Evolution nicht ohne Wiederholungen zu denken. Ohne überlieferte und formalisierte Denktraditionen keine wissenschaftliche Erschließung oder technologische Durchbrüche, ohne Bevölkerungswachstum und regelmäßige Reisen keine soziale Vernetzung, ohne feste, wiederverwendete Grundsätze keine universellen Rechtssysteme oder gesellschaftliche Befreiungen.
Über Zyklolinearität
Echte Zyklizität muss ausschließlich kreisförmig sein. Die Geschichte müsste sich daher im stoischen Sinn tatsächlich identisch wiederholen, um echter Zyklizität zu entsprechen. Die Menschheit hat jedoch bislang keinen Anhaltspunkt für die ewige Wiederkehr in der Endlosschleife gefunden. Bei Nietzsche mag es in einer mystizistischen Sentenz heißen, dass „der Pfad der Ewigkeit [krumm ist],“ doch unser historisches Wissen reicht nur hin, um eine unvollkommene Zyklizität in der Wiederholung von Mustern zu erkennen.
Echte Linearität wiederum darf keinen Kreislauf beinhalten. Keine Entwicklung darf je schon einmal gleich vorgekommen sein. Dass aber das Ziffernblatt einer Uhr in 12 Stunden alle möglichen Zustände durchläuft, um diese auf die gleiche Weise anschließend wieder zu absolvieren, veranschaulicht auf simple Weise, dass unsere Welt Kreisläufe zulässt. Diese Kreisläufe sind zwar im Hinblick auf ihre Einbettung in eine Abfolge als individuelle Durchgänge jeweils einzigartig, doch sie ereignen sich nicht als Ereignisse auf einem Zeitstrahl der Wandlung.
Geschichte ist also weder vollkommen zyklisch noch vollkommen linear. Als verwandte Teilaspekte lassen sich Zyklizität und Linearität im Begriff der Kontinuität zusammenführen. Fasst man beide als zwei verwandte Modi von Kontinuität auf, erscheint historische Zyklizität als Linearität ohne Veränderung und historische Linearität als Zyklizität gerichteter Wirksamkeit.
Der erste Umstand ist mit dem Beispiel des Ziffernblatts schnell geklärt. Eine Abfolge von Kreisläufen auf dem Ziffernblatt bildet eine Reihe, in der jeder Kreislauf einer bestimmten Zahl in der Reihe entspricht. Die Menge der Kreisläufe lässt sich in eine lineare, zeitliche Abfolge von bezifferten Durchgängen eingliedern, ohne dass sich etwas an der Art und Weise des Kreislaufs ändern würde.
Der zweite Umstand zeigt sich an der Frequenz, mit der die Richtung einer Wirkung bestätigt werden muss, um eine lineare Entwicklung herbeizuführen. Hätte ein einzelner Mensch das Rad erfunden und dann ohne Wissenstransfer verscharrt und wäre nie jemand anders wieder auf die Idee gekommen, sähe die technische Geschichte heute ganz anders aus. Abweichungen vom vorherigen Status quo müssen wiederholt wirksam, die Elemente der Veränderung immer wieder aufgegriffen werden. Sämtliche historische Kulturleistungen des Menschen existieren, weil die Menschheit stets an irgendeiner Stelle zu den einstmals abweichenden Elementen oder daraus entspringenden Elementen zurückgefunden hat. So kommt das Rad regelmäßig seit Jahrtausenden in Fahrzeugen, aber auch in Uhren, Mühlen oder Produktionsmaschinen zum Einsatz. Diese hartnäckige, zyklische Verwendung des Rads hat einen großen Teil der linearen Geschichte des Menschen geprägt.
Zyklizität und Linearität bilden, wennschon wir sie semantisch auseinanderhalten können, in der Geschichte somit zwangsläufig ein zyklolineares Kontinuum.
Wie aus dem Kreislauf Entwicklung wird
Ein vollkommener Kreislauf ist in sich geschlossen und selbsterhaltend. Solange es keinen Impuls zur Veränderung gibt, muss er als perpetuum mobile gedacht werden, dessen Abläufe gleichförmig bleiben. Einen derartigen Kreislauf gibt es wahrscheinlich nicht.
In vielen realen Kreisläufen ist eine Art unechter Impuls zur Veränderung angelegt. Planeten, die sich seit Jahrmilliarden ziemlich gleichförmig um einen Stern bewegen, können vergehen, wenn der Stern das Zeitliche segnet. Da aber Entstehung und Ende von Sternen wiederum einen Kreislauf darstellen, ist der Impuls zur Änderung des Systems unecht, da er von einem anderen Kreislauf ausgeht. Hier entwickelt sich nichts, hier spielt sich Vorprogrammiertes ab. Der Verlauf ist vorhersehbar, wenn man die Regeln und Daten der betreffenden Systeme kennt. Das ist die Welt des klassischen Determinismus.
Der Determinismus gilt nach derzeitigem Stand jedoch nicht für alle Arten von Richtungsänderungen im Kreislauf. Zwei Arten von Richtungsänderungen gründen sich auf Impulse, die sich heutzutage nicht bewiesenermaßen in ein deterministisches Modell eingliedern lassen.
Die erste Art von Richtungsänderung stiftet der banale Zufall. Beispiele dafür liefern Quantenmechanik und Biologie. Einerseits ist der Zeitpunkt des radioaktiven Zerfalls spezifischer Atome ebenso wenig vorhersagbar wie der exakte Ort, wo ein Elektron zu einem gegebenen Zeitpunkt nachgewiesen wird. Da die Position des Elektrons aus Beobachtersicht beliebig ist und das unvorhersehbare Ergebnis durch das Messgerät beeinflusst wird, liegt es nahe, dass auf subatomarer Ebene Kontingenz und Indeterminiertheit bestehen. Ob dieser Umstand Auswirkungen auf die atomare Ebene oder gar größere Systeme hat, ist umstritten. Wirkungsvoller zeigt sich der Zufall in der Biologie. Hier spricht man von spontanen Mutationen, wenn es zu zufälligen Veränderungen im Erbgut kommt. Wenn sie ontogenetische oder phylogenetische Auswirkungen haben, d.h. manifest oder vererbt werden, beeinflussen sie die Entwicklung des Individuums oder der Art.
Die zweite Art von Richtungsänderung ist noch rätselhafter. Hier ist es der Wille, der nachhaltig in den Verlauf der Geschichte eingreift. Jede lineare Entwicklung in der menschlichen Geschichte ist trotz aller äußeren Einflüsse und Zufälle auch ein Produkt des Willens, Gedanken zu folgen, Ideen zu äußern, Absichten zu fixieren, auf Überliefertem aufzubauen und Vorhaben in die Wirklichkeit zu übertragen. Mit individueller und kollektiver Entschlossenheit, aus Kreisläufen auszubrechen, bestimmte Fäden immer wieder aufzunehmen und den Stoff der menschlichen Geschichte weiterzuspinnen, hat der Mensch die Verhältnisse auf der Erde in einem Dutzend Jahrtausenden maßgeblich verändert und mitbestimmt. Er schließt, modifiziert und erzeugt Kreisläufe, setzt eigene Regeln und wurde zum Bildner seiner Welt.
Gestaltung in der Ungewissheit
Die Kontinuitäten und Brüche der menschlichen Geschichte sind reiches Anschauungsmaterial für das Miteinander von Zyklizität und Linearität in historischen Prozessen. Mit seinem tatkräftigen Willen greift der Mensch autonom in die zyklolinearen Muster der Geschichte ein und schafft eigene Kontinuitäten. Er ist die einzige uns bekannte Spezies, die eine derartige Vielzahl von Kulturleistungen über weite Zeiträume und Gebiete transferiert.
Je größer seine Kulturleistungen, desto folgenreicher sind seine Eingriffe in die Welt. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts weiß er, dass er innerhalb kürzester Zeit einen großen Teil des Lebens auf dem Planeten zerstören könnte. Systeme mit Jahrmilliarden an Zyklen und Entwicklungslinien würden jäh vernichtet werden. Dieser zumindest aus der Sicht des Menschen finale Akt wäre weder in einen Kreislauf eingebettet, noch der nächste anschlussfähige Entwicklungsschritt, sondern eine willentliche oder unwillentliche Beendigung von Kontinuität aus dem Inneren des Systems. Mit der Erfindung nuklearer Waffen hat der Mensch sich die Kontingenz seines Daseins bewiesen und die eigene Verantwortung vergegenwärtigt.
Diese Kontingenz ist zumindest so lange unstrittig, wie Zufall und Wille nicht zu bekannten, einsehbaren, quantifizierbaren Größen in einem deterministischen Modell werden. Solange Impulse existieren, die sich nicht aus den Verflechtungen innerhalb eines bestimmten Systems erklären lassen, sind Ereignisse und Entwicklungen nicht notwendig. Daraus ergibt sich eine unbestimmte, aber formbare Zukunft.
Hierin finden wir nun alle geschichtsphilosophischen Positionen aus der Einleitung versammelt. Soweit wir ohne Zuhilfenahme metaphysischer Glaubenssätze wissen, sind historische Prozesse zugleich zyklisch, linear und kontingent. Dieser Befund gibt dem Menschen weder Sicherheit noch Gewissheit. Er gemahnt ihn vielmehr daran, dass er sich mit den eigenen Möglichkeiten und den gegebenen Notwendigkeiten beschäftigen und sich um eine vernünftige Mitgestaltung seiner Welt bemühen muss.