PS 2: Rassismus, Sexismus, Klassismus – eine Welt ohne Grexismus?

Es ist ja eigentlich ganz klar: Arme sind faul und inkompetent, Ausländer sind kriminell und Frauen verstehen nichts von Politik. Und ebenso einfach sind die logischen Schlüsse, die man daraus ziehen muss: Arme verdienen den Sozialstaat nicht, Segregation oder Säuberung befreien uns von Verbrechen und Frauen gehören in die Küche. Fertig ist die perfekte Gesellschaft. Oder etwa nicht?

Auch nach Jahrzehnten der Problematisierung beherrschen starre, oberflächliche Kategorisierungsmuster unseren Alltag. Während manche eine völlige Abkehr von Kategorisierungen befürworten, verreißen andere diese Ansicht als künstlich und unterdrückerisch. An ihren Polen ist die öffentliche Meinung in zwei widerstreitende Lager gespalten.

Die eine Seite tut obige Äußerungen als harmlose persönliche Ansichten ab, verwehrt sich gegen einen Eingriff in die Meinungsfreiheit und will die Gesellschaft (zumindest in Teilen) nach Stereotypen, Vorurteilen und unveränderlichen sozialen Bestimmungen ordnen.

Die andere Seite kämpft gegen jegliche Form von Kategorisierung, weil diese Menschen diskriminiere. Kategorisierung gilt hier als äußerer Zuschreibungszwang, der menschliche Identitäten auf Schubladendefinitionen verpflichtet und Individualität auslöscht.

Im Widerstand gegen Kategorisierung offenbart sich nicht nur eine Ablehnung übergriffiger, engstirniger, verfehlter oder abschätziger Wahrnehmungen. Schwerer wiegt die Furcht, aufgrund einer negativen Kategorisierung an Rechten, Möglichkeiten und Sicherheit einzubüßen. Geschichte und Gegenwart bezeugen, dass diese Furcht vor einer Verdrängung an den Rand und einer Gefährdung des eigenen Wohls berechtigt ist. Aufgezwungene Zuschreibungen, wie sie sich zum Beispiel in klassistischen, rassistischen oder sexistischen Sentenzen finden, haben schon immer der Vorbereitung von Regulierungen gesellschaftlicher Verhältnisse und Eingriffen in private Lebenssituationen gedient.

Die heutigen identitätspolitischen Konflikte beziehen sich somit sowohl auf die grundsätzliche Zulässigkeit und Sinnigkeit pauschaler Einordnungen als auch auf die Risiken und Vorzüge konkreter Praktiken, die zur eigenen Legitimierung auf derlei Einordnungen zurückgreifen.

 

Was ist Kategorisierung?

 

Anders als im heutigen Diskurs zuweilen behauptet wird, ist Kategorisierung an sich nicht schlecht. Als fundamentale Voraussetzung für jede verstandesmäßige Annäherung an einen Betrachtungsgegenstand ist sie unerlässlich für den Wissenserwerb. Wer einem Gegenstand eine Kategorie zuweist, erkennt ein spezielles Charakteristikum an, das sich so oder so ähnlich auch bei einem anderen Gegenstand finden lässt, oder eben nicht.

Wenn man eine Kugel mit einem Würfel vergleicht, kommt man nicht umhin, Unterschiede zu bemerken. Die Objekte sind räumlich voneinander getrennt und die Formen differieren. Aus einer Laune heraus nennt man die eine Form Kugel und die andere Form Würfel. Experimente mit den Objekten ergeben, dass die Kugel nach einem kleinen Schubs rollt, während der Würfel nur ein Stück nach vorne rutscht.

Trifft man später andere Objekte an, die rund oder kubisch sind, kann man manche Eigenschaften einschätzen, bevor man sie wahrnehmen kann. Man prognostiziert, das runde Objekt werde rollen, das kubische nicht. Und siehe da: die Kugel rollt, der Würfel nicht. Die Realität bestätigt die Einschätzung, indem sie die kategoriale Gleichsetzung der jetzigen und der vorigen Objekte mit dem Eintritt eines erwarteten Ereignisses belohnt. Das zuvor erworbene Wissen wird hier in einer Erprobungssituation beglaubigt.

Kategorien verarbeiten also Unterschiede und Gemeinsamkeiten in der Welt und vereinfachen die Orientierung, indem sie nicht nur die taxonomische Erfassung der Vielfalt, sondern auch eine Berechnung potenzieller Vorgänge erlauben. Letztlich basiert der größte Teil des Lebens, des menschlichen und des nicht-menschlichen, auf einer Verwaltung von und einem Rückgriff auf Kategorien. Die gesamte Welt lässt sich kategorisieren, weil all ihre Partikel und sogar Worte und Gedanken Unterschiede und Gemeinsamkeiten aufweisen.

Die Erschließung der Welt über Kategorien ist somit gerechtfertigt und frei von Willkür, solange sie einzig einem Wunsch nach Erkenntnis entspringt.

 

Willkürliche Abwertung

 

Was aber hat das mit Klassismus, Rassismus und Sexismus zu tun? Nun, in ihrer Funktionsweise bauen alle drei Ismen auf Kategorisierung auf. Wer Arme als faul, Ausländer als kriminell und Frauen als politisch ungeeignet charakterisiert, ordnet einer diffusen Menge von Menschen dasselbe Merkmal zu. Dieses Merkmal trifft dann auf alle Menschen zu, die man unter den Begriffen arm, ausländisch oder weiblich zusammenfasst, ganz gleich wie diese ansonsten definiert sein mögen.

Bislang ist noch keine willkürliche  Wertung vorgenommen worden. Wenn wir genügend Grund zur Annahme hätten, dass „arme Menschen“ schlichtweg faul sind, „Ausländer“ unabhängig von den Lebensumständen kriminell sind und sich auch die kompetenteste „Frau“ nicht für den Politbetrieb eignet, dann dürften wir vor diesen Erkenntnissen nicht die Augen verschließen. Fundierte Handlungsansätze auf der Basis der Erkenntnisse wären dann nicht klassistisch, rassistisch oder sexistisch, weil ihnen eine bestimmte Qualität fehlt, die von entscheidender Bedeutung ist.

Bis jetzt gibt es für diese Annahmen keine ausreichenden Indizien oder gar Beweise. Ohne eine weitere Zutat würden derlei Annahmen vermutlich nicht lange bestehen. Wer ohne ausreichend Beweismaterial und unerbittlich alle Armen, Ausländer oder Frauen pauschal mit einer negativen Eigenschaft belegt, nimmt diese Beurteilung nicht aus einem wissenschaftlichen Erkenntniswunsch vor. Er greift auf das Mittel der Kategorisierung zurück, um eine Gruppe von Menschen trotz unzureichender Beweislage zu stigmatisieren.

Erst hier entfaltet sich eine willkürliche Wertung, die sich der Neigung verdankt, eine bestimmte Gruppe ab- oder zu entwerten.

 

Eigengruppe und Fremdgruppe: kurze Psychologie des Grexismus

 

Klassismus, Rassismus und Sexismus überschneiden sich also in der Ab- oder gar Entwertung von Menschen via Kategorisierung. Inhaltliche Unterschiede verblassen angesichts der gemeinsamen Absicht.

Weil alle drei Begriffe auf lateinischen Wurzeln fußen, lassen sie sich am Besten in einem Sammlungslatinismus bündeln. Auf der Basis von grex (Gruppe, Schar, Herde) soll Grexismus jegliche Denk- oder Redensweise bezeichnen, welche eine Gruppe an bestimmte Eigenschaften koppelt, um der Gruppe zugeschriebene Individuen oder die gesamte Gruppe zu entwerten und möglicherweise zu misshandeln, sowie die damit einhergehenden Verhaltensweisen.

Warum aber existiert überhaupt ein Wille zur Ab- oder Entwertung?

Hier lassen sich drei Hauptgründe anführen:

1.     Die Abwertung einer Seite soll eine andere aufwerten.

2.     Die Abwertung ist das einzige Ziel, z.B. aus Verachtung.

3.     Die Abwertung soll Missbrauch begünstigen.

Im ersten Fall streben üblicherweise Verfechter von Grexismen an, sich selbst zu erheben. Durch die Abwertung einer Fremdgruppe soll der Wert der eigenen Gruppe gesteigert werden, wodurch sich Verfechter von Grexismen in ihrem Selbstwert bestärken. Mittels einer Werthierarchie streichelt man das eigene Ego auf Kosten anderer. Die Aufwertung der Eigengruppe kann außerdem als Rechtfertigung von Unterdrückungspraktiken dienen, sodass aus der Werthierarchie auch eine Gesellschaftshierarchie abgeleitet wird, die der Eigengruppe besondere Rechte und Privilegien zubilligt.

Im zweiten Fall geht es weniger um das eigene Wohl als um Verachtung. Aus Abneigung oder Rachegelüsten stuft man Gruppen ab, ohne die eigene Gruppe oder sich selbst dadurch explizit aufwerten zu wollen. Es ist in diesem Fall nicht einmal notwendig, dass Verfechter von Grexismen eine Fremdgruppe angreifen. Sie können auch eine Gruppe abwerten, der sie selbst in gewisser Hinsicht angehören, wenn sie genügend Verachtung für sie hegen.

In einem komplexen sozialen Gebilde, das beide Fälle einschließt, können die verschiedensten Gruppen in Auf- und Abwertungsverhandlungen komplizierte Hierarchien ausbilden, die dann zumeist Widersprüchlichkeiten und Instabilitäten aufweisen.

Im dritten Fall leitet man das Recht und Privileg, ein Individuum oder eine Gruppe zu missbrauchen, aus deren geringerem Wert ab. Seit Darwins Beschreibung der natürlichen Auslese wird diese zum Beispiel gerne herangezogen, um bestehende oder angestrebte Gesellschaftsverhältnisse zu begründen. Weil Menschen als von Natur aus besser oder schlechter gesehen werden, ist es vertretbar oder gar wünschenswert, dass die Besseren ein wesentlich angenehmeres Leben führen, derweil sie die Schlechteren dominieren und deren Behandlung nach dem eigenen Gutdünken steuern. Sollte die willkürliche Behandlung dann in Misshandlung resultieren, kriegen die Schlechteren lediglich, was sie vermeintlich verdienen.

 

Drei Universalitäten des Grexismus

 

Grexismus ist kein kultur- oder zeitgebundenes Phänomen. Es handelt sich um ein generelles Muster im menschlichen Denken und Verhalten, von dessen Grundlagen sich vermutlich niemand freisprechen kann. Das wäre zumindest logisch, weil Kategorisierung sowohl einen unverzichtbaren Bestandteil der Orientierung im Leben jedes einzelnen als auch eine Grundvoraussetzung für Grexismus darstellt und die Übergänge zwischen Kategorisierung und Grexismus, je nach Absicht, fließend sind.

Menschen unterscheiden sich selbstredend in der Überzeugung, Häufigkeit und Schärfe, mit der Grexismen geäußert und verbreitet werden. Aufmerksame Beobachter können schnell Personen erkennen, auf die Labels wie Klassist, Rassist, Sexist oder Antisemit wesentlich eher zutreffen als auf andere. Je bereitwilliger und nachdrücklicher jemand Grexismen vertritt, desto höher ist die potenzielle Neigung zu extremistischem Denken und Handeln. Allzu leicht fällt der Schritt aus der kategorialen Entwertung in die praktische Entrechtung, Entwürdigung und Misshandlung.

Weil Grexismus alle Arten und Folgen der Ab- oder Entwertung von Gruppen einschließt, sind Debatten um mögliche Alleinstellungsmerkmale bestimmter Grexismen im Vergleich mit anderen Grexismen zwar gewiss interessant, können jedoch in die Irre führen. Die massenvernichtende Entgrenzung des Antisemitismus im 20. Jahrhundert, welche die Welt bis heute erschüttert, ist für jeden Grexismus denkbar. Diese Perspektive nimmt der spezifischen Abscheulichkeit der Shoah und ihrem ideologischen Hintergrund nichts an Eigenheit, sondern weist darauf hin, dass es nicht nur einen Weg in Konzentrationslager gibt.

Die Universalität des Grexismus zeigt sich überdies an der Anwendbarkeit auf jede entwertende Kategorisierung von Lebewesen. Die biblische Doktrin von der Herrschaft des Menschen über die Tierwelt und bis heute andauernde Räsonnements über die Seelenlosigkeit oder das vernachlässigbare Bewusstsein von Tieren haben, neben anderen, dazu beigetragen, dass der Mensch heutzutage eine Maschinerie befehligt, in der Milliarden Tiere einzig zur Bedürfnisbefriedigung des Menschen kultiviert werden, männliche Küken im Schredder landen und unzählige Labormäuse vom künstlich herbeigeführten Krebs gezeichnet verenden.

 

Eine Gesellschaft ohne Vorurteile und Stereotype?

 

Hält man die obigen Ausführungen für plausibel, so muss weder eine Kategorisierung noch ein Stereotyp oder Vorurteil grexistisch sein, solange man nur (vermeintliches) Wissen äußert, besonnen danach handelt, offen für eine Korrektur ist oder ohne Gehässigkeit scherzt. Erst wenn man Lebewesen zwecks Abwertung, Entrechtung, Entwürdigung oder Missbrauch Stereotype, Urteile oder Eigenschaften aufzwingt, ergibt sich ein Grexismus.

Für eine Überwindung von tatsächlichen Grexismen muss klar sein, was Grexismen sind, wie sie zustande kommen und wie man sie erkennt, ohne zu dämonisieren, was zwar als grexistisch wahrgenommen werden mag, sich jedoch nicht qualifiziert, weil es der beabsichtigten Abwertung entbehrt. Hierfür ist es erforderlich, zwischen wissenschaftlicher Einteilung, reflektierter Beobachtung, flapsigen Stereotypen oder Vorurteilen und klar grexistischen Denkweisen zu unterscheiden.

Da die Gesellschaft von Kategorisierungen abhängt und Kategorisierungen rasch in harmlose Stereotype und Vorurteile übergehen können, ist eine Gesellschaft ohne Stereotype und Vorurteile nicht besonders wahrscheinlich und als Zielsetzung folglich kaum sinnvoll. Diese Zielsetzung kann sogar gefährlich sein, wenn sie die Legitimität von Kategorisierung im Ganzen untergräbt.

Eine Gesellschaft ohne großflächig handlungsfähige Grexismen wiederum könnte realisierbar sein. Wenn Grexismen ausreichend definiert, ermittelt und sanktioniert werden, kann die Gesellschaft die Übertragung grexistischer Ansichten in die Realität bis zur annähernden Wirkungslosigkeit hemmen.

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