PS 4: Kognitiver Konsum, KI und H.G. Wells

Kaum etwas hat die Welt und die Menschheit derart rasch und tiefgreifend verändert wie die Maschinisierung. Allerorten haben automatisierte Prozesse menschliche Aktivität ersetzt. Im Zeitalter künstlicher Intelligenz erstreckt sich diese Entwicklung zunehmend auch auf den kognitiven Bereich. Eine Chance… und ein Risiko.

 

Aus der Produktion in den Konsum

 

Seit der Steinzeit ist die physische Aktivität des Durchschnittsmenschen gesunken. Dies liegt zum einen daran, dass menschliche Kontrollsysteme die Notwendigkeit von physischer Aktivität zu Verteidigungs-, Unterhalts- oder Fluchtzwecken drastisch verringert haben. Zum anderen ist seine Physis für die Produktion von Gütern von schwindender Bedeutung. Infolgedessen korrelieren physische Produktivität und der Konsum von physischen Gütern weniger stark als früher, sodass sich das Verhältnis zwischen Produktivität und Konsum hin zu letzterem verschoben hat. Das Jagen und Sammeln beschränkt sich heutzutage beispielsweise in vielen Gegenden auf einen Flaniergang durch den Supermarkt.

Technologische Neuerungen, bessere Ernährungsmöglichkeiten und mehr Freiheiten haben dabei in manchen Hinsichten gesündere Lebensumstände freigeschaltet. Der Verlust der ehemaligen physischen Aktivität kann durch moderne Trainingsprogramme und verbesserte medizinische Versorgung aufgefangen oder sogar mehr als aufgewogen werden. Trotzdem leiden viele Menschen in modernen Gesellschaften und globalen Oberschichten an sogenannten Zivilisationskrankheiten, sind übergewichtig und verfügen über einen dysfunktionalen Bewegungsapparat.

Mussten sich vorindustrielle Gesellschaften und ihre Körper oft aktiv gegen die Miseren der Außenwelt stemmen, so sind es heute häufig äußere Mittel, die moderne Gesellschaften und ihre Körper erhalten und vor sich selbst bewahren müssen.

 

Der entfesselte Verstand

 

Zeitgleich mit dem Rückgang der physischen Aktivität beschleunigte sich die kognitive Aktivität. Diese war immer weniger eng an die unmittelbare Lebenserhaltung gebunden. Einerseits sank das direkte praktische und sinnliche Umgebungswissen der Einzelnen, andererseits konnte der Mensch immer neue Tiefendimensionen erschließen. Man reflektierte, abstrahierte, entwarf Theorien, erfand Neues, erforschte und katalogisierte seine Gefühle.

Eine immer kritischer nachfragende und präziser beobachtende Menschheit maß den statischen Konzepten traditioneller Weltanschauungen immer weniger Bedeutung bei. Es gab stets Leerstellen, die Menschen und Menschengruppen mit innovativen Gedanken, Theorien und Ansätzen füllen mussten. Industrieller Wettbewerb, Profitstreben, gezielte Eroberungszüge im Reich der Natur, nationale Rivalitäten, Kriege, Wünsche nach sozialem Aufstieg und nicht zuletzt allgemeine Neugier trieben die Menschen vor allem seit der europäischen Renaissance dazu, ihre kognitiven Kapazitäten auszuloten, zu erforschen und zu verbessern.

Die Maschinisierung im Bereich der Güterproduktion – vom Rad bis zum Fabrikautomaten – begünstigte also eine Freisetzung und Stimulation von kognitiver Aktivität. Bis jetzt.

 

Produktion und Konsum von Informationen

 

Die Entfesslung des menschlichen Geistes resultierte in einem Zuwachs an verfügbaren Informationen. Im Fluss der Zeit sind der Menschheit Myriaden an Informationen verloren gegangen, doch dieser Verlust ist nur ein Bruchteil der durch die kognitiven Anstrengungen rasant angewachsenen Informationsmenge. Neue Medien (Inschriften, Papyri, Bücher, Radio, Fernsehen und das Internet) gestatteten eine verbesserte Aufzeichnung und Verbreitung von kognitiven Inhalten, Bildungsinitiativen (allgemeine Schulpflicht, Alphabetisierung, standardisiertes Grundwissen) erhöhten den Zugang in der Bevölkerung.

Information ist ein elementarer Begriff für die menschliche Kognition. Zumeist meint man hiermit wie im vorigen Absatz einen Wissens- oder Kommunikationsinhalt. Für die folgenden Gedankengänge soll Information jedoch breiter definiert werden als Zusammenspiel einer Zeichen- mit einer Bedeutungseinheit. Dass sie weder das eine noch das andere ist, lässt sich leicht illustrieren: Wenn jemand verkündet, dass Madrid die Hauptstadt von Spanien ist, umfasst die Information sowohl die Worte der Mitteilung, das Zeichen, als auch ihren Sinngehalt, die Bedeutung.

Beim menschlichen Kontakt mit Information lassen sich ausgehend von dieser Definition grob unterscheidbare Prozesse benennen, obwohl sie Berührungspunkte miteinander haben und daher nicht trennscharf sind:

Aufnahme – Rezeption, Erlernen der Zeichen und vorgefertigter Bedeutungsbereiche mit unterschiedlicher Tiefenwirkung

Gebrauch – Einsatz von Zeichen zur Übermittlung von Bedeutungsbereichen, Instrumentalisierung der Zeichenoberfläche

Bewertung – Reflexion, Interpretation, Klassifikation, Prüfung der Zeichen-Bedeutung-Verhältnisse

Anfertigung – Rekombination bestehender Informationen, Produktion von Zeichen-Bedeutungs-Verhältnissen

Im Rückgriff auf die Begriffe Konsum und Produktion aus dem Abschnitt über die physische Aktivität sollen Aufnahme und Gebrauch in diesem Zusammenhang mit kognitivem Konsum und Einordnung und Anfertigung mit kognitiver Produktion assoziiert werden.

 

Enter KI

 

Künstliche Intelligenz steigert den Anteil konsumtiver Prozesse an der gesamten kognitiven Aktivität. Wenn sie zunehmend kognitive Prozesse anleitet oder ersetzt, sind Menschen wie bei der physischen Maschinisierung versucht, sich ihrer Bequemlichkeit zu fügen und kritische Bewertungen, Deutungen sowie notwendige Neuschöpfungen von Informationen an eine Maschine auszulagern.

Diese Entwicklung ist bereits heute weiter fortgeschritten, als man gemeinhin annimmt. Sie hat die meisten Bereiche des Alltags erreicht. Wer eine Teammitteilung im Betrieb oder eine persönliche Nachricht im Gruppenchat von einem KI-Programm schreiben lässt, mag das für ein harmloses, zeitsparendes und sinnvolles Vorgehen halten. Wer sich den Inhalt eines Textes lieber von der KI zusammenfassen lässt, als ihn zu lesen, mag dies effizienter finden.

Zweifelsohne gibt es Situationen, in denen man mit der Nutzung von KI stumpfsinnige Wiederholungsarbeiten vermeidet und sich Ressourcen für anderweitige Beschäftigungen freischaltet. Oft jedoch werden auch intellektuell oder emotional herausfordernde Aufgaben delegiert. Auf diese Weise begibt man sich sukzessive in die Rolle des kognitiven Konsumenten und verliert Autonomie. Dies ist hat beachtliche Auswirkungen.

 

Das Gehirn im KI-Zeitalter

 

„Was ist das Problem?“, mag man fragen. „Was ich an einer Stelle willentlich an Autonomie verliere, gewinne ich an anderer. Die Maschinisierung physischer Aktivität hat uns schließlich auch stärker gemacht. Das ist nichts als Kulturpessimismus.“

Nun, nicht der opponierbare Daumen oder der aufrechte Gang, sondern das Gehirn und seine spezifische Aktivität haben die Genese des Menschen und seine Entwicklung stärker als alles andere geprägt. Die scheinbare Einzigartigkeit des menschlichen Geistes im Tierreich hat ihn den Planeten erschließen, Technologien entwerfen und die Gefilde der Träume, Vorstellungen und Begriffe bereisen lassen. Tonangebend auf diesem Weg der Distinktion war der hohe Anteil der produktiven Prozesse an der kognitiven Aktivität: Bewertung, Interpretation und Schöpfung von Informationen, nicht ihre Aufnahme und der unmittelbare Gebrauch, welche die restliche Tierwelt dominieren. Eine Abnahme der produktiven Kognition führt den Menschen folglich fort vom Pfad, der ihn zu dem gemacht hat, was er ist.

Dies ist keine reine Behauptung, sondern wird durch die Neurowissenschaft gestützt. Das Gehirn des Menschen ist zu komplexerer Aktivität fähig als die Gehirne aller anderen Spezies. Eine hohe Plastizität erlaubt eine erstaunliche Modellierung durch Lebensführung und Lernprozesse. Produktive Prozesse sorgen dabei für eine wesentlich intensivere Stimulation von Gehirnregionen und eine dichtere Vernetzung von Synapsen als konsumtive Prozesse. Eine Verringerung produktiver und eine Vermehrung konsumtiver Prozesse fordert das menschliche Gehirn deshalb weniger stark, baut es funktional um und senkt die Komplexität.

Ein Schwund an Komplexität im neuronalen Netzwerk gefährdet die Orientierung des Einzelnen in einer zunehmend komplexen Welt und bedroht die Anpassungsfähigkeit der Spezies im selbst geschaffenen Milieu. Zunächst ist lediglich ein funktionaler Verlust von kognitiven Kapazitäten zu erwarten. Über Jahrtausende könnte die funktionale Vernachlässigung ohne Gegensteuerung jedoch biologisch-strukturell in der menschlichen Spezies persistieren.

 

Die Entwicklung zu Eloi

 

In H.G. Wells‘ Roman The Time Machine (1895) trifft ein Zeitreisender im Jahr 802.701 auf eine Menschheit, die sich durch genetische Anpassung an ihre Umwelt in zwei Arten aufgeteilt hat. Eine der beiden Arten, die friedlichen, sanften Eloi, degeneriert durch Kultur, Frieden und Konsum, könnte Aspekte der Menschen von morgen vorwegnehmen.

Sie sind „so schwach, dass ich glaubte, das ganze Dutzend wie Kegel umwerfen zu können.“ Ihr Verstand ist in analoger Weise reduziert. „Plötzlich fragte ich mich: waren diese Kreaturen Toren? […] ich hatte immer erwartet, dass die Menschen um das Jahr 802.000 uns [in allem] weit voraus sein würden.“ Der Erzähler schätzt sie „auf dem intellektuellen Level [unserer] fünfjährigen Kinder“ ein. Besondere Erwähnung findet ihr „Mangel an Interesse“. Sie stürzen sich auf neue Reize mit großer Begierde, so auch auf den Erzähler, bevor sie „auf der Suche nach einem anderen Spielzeug weggehen“.

Hier hat sich offenbar genetisch verfestigt, was uns derzeit zunächst nur funktional droht. Die Eloi haben nicht nur den produktiven Umgang mit Informationen verlernt, sondern auch die disziplinierte Rezeption. Zeichen an der Oberfläche werden kurzfristig konsumiert, bevor sie weggeswipet werden. Die Verwandtschaft zum heutigen Internetzeitalter ist unverkennbar. Die künstliche Intelligenz – kein Bestandteil von Wells‘ Zukunftsentwurf – verstärkt diesen Hang zur Eloifikation, indem sie beispielsweise die Anfertigung akademischer Texte, die Lösung kognitiver Aufgaben und sogar die Pflege von sozialen Beziehungen übernimmt.

Um sich mögliche Folgen dieser Entwicklung zu vergegenwärtigen, reicht daher auch ein Blick auf das 21. Jahrhundert.

 

Mögliche Auswirkungen

 

Im 21. Jahrhundert sind viele universalistische Werte unter Beschuss. Dennoch genießen Menschenrechte, Freiheit, Selbstbestimmung und Demokratie trotz Rückgangs laut Umfragen von Pew Research oder dem World Values Survey weiterhin Zustimmung in weiten Teilen der globalen Bevölkerung. Der Aufstieg der KI stellt diese Werte zusätzlich in Frage. Denn in einer Gesellschaft mit schwindender kognitiver Aktivität entstehen Probleme im Zusammenhang mit diesem Wertekanon.

Wie frei und selbstbestimmt ist zum Beispiel ein Lebewesen, das viele wichtige kognitive Prozesse an ein künstliches System aus Algorithmen outsourct? Wie authentisch sind demokratische Wahlen, wenn sich die Wähler nach den Empfehlungen ihrer KI richten? Ist eine Bevölkerung aus Individuen mit funktional unterentwickelten Gehirnen mündig genug, um an politischen Prozessen teilzuhaben? Sind diese noch in der Lage, ihre Umwelt leidlich autonom zu erfassen?  Und wenn die Menschheit ihre Wehrhaftigkeit verliert: wer sind ihre Morlocks?

In Wells‘ Roman sind die Morlocks Nachfahren der alten Arbeiterklasse, dunkle, physisch weit überlegene Gestalten, die sich an den weich gewordenen Sprösslingen der Oberschicht nähren. Entwicklungen in der tatsächlichen Zukunft könnten dagegen, in einem etwas umgekehrten sozialen Szenario, einen Finanzadel dazu befähigen, die biologischen Beschränkungen des menschlichen Körpers mit Hilfe neuester Technologien zu überwinden, zu Übermenschen, vielleicht sogar zu einer neuen Spezies zu werden und die Welt ungebremst nach dem eigenen Willen zu formen. Und das ist nur eine mögliche Version unserer eigenen Morlocks.

Welche Rechte, welchen Wert werden fortgeschrittene Lebensformen – Übermenschen, Cyborgs, digitale Entitäten oder sogar Außerirdische – dem menschlichen Individuum dann noch einräumen? Historische Vorbilder wie der Kolonialismus verheißen nicht unbedingt Gutes.

 

Ein einfacher Ausweg?

 

Selbst wenn wir annehmen, dass eine Entzweiung der Menschheit ausbleibt und mögliche technohumanistische oder transhumanistische Verbesserungen allen zur Verfügung stehen werden, können wir heutzutage keineswegs sicher sein, dass wir unsere biologische Ausstattung durch maschinelle bzw. digitale Erweiterung oder externe Stimulation für kommende Herausforderungen wappnen können.

Zwar können Verfahren wie die transkranielle Magnetstimulation die Neuroaktivität künstlich steuern und verbessern, sodass positive Effekte reduzierter kognitiver Operationen verstärkt werden können, um den Aktivitätsverlust zu kontern. Allerdings gibt es derzeit noch keine Anzeichen, dass TCMS das durch aktive, produktive und konzentrierte kognitive Operationen erreichte Maß an Neuroaktivität, Neuroplastizität und kognitiver Entwicklung imitieren kann. Ebenso bleiben die tatsächlichen Vorteile maschineller Gehirne und Neuro-Interfaces für unverzüglichen Zugriff auf digitale Inhalte im Dunklen.

Es ist darüber hinaus vollends ungewiss, wie viel von der menschlichen Erfahrung und der Integrität des subjektiven Bewusstseins den Übergang zu transhumanen Gehirnstrukturen überstehen würde.

 

Eine riskante Chance

 

Das wirtschaftsgeschichtliche Faktum der menschlichen Wandlung vom Produzenten zum Konsumenten lässt sich heutzutage auch geistesgeschichtlich beobachten. Eine telemediale Massenkultur hat über Kanäle wie Fernsehen und Internet mit kurzfristigen Reizen und zeitintensiver Banalität bereits Vorarbeit geleistet. Bis vor kurzem mussten kognitive Aufgaben jedoch zum Großteil immer noch von Menschen bearbeitet werden. Künstliche Intelligenz droht nun, auch diesen Produktionsbereich obsolet werden zu lassen und die Menschen in den Kognitionskonsum zu treiben.

Als Korrektiv und Partner kann künstliche Intelligenz selbstverständlich zum Erreichen neuer Kognitionsplateaus beitragen und die Menge repetitiver kognitiver Operationen verringern. Mit einer Aufgabe kognitiver Produktion jedoch riskiert die Menschheit einen Kernbestandteil ihrer erfolgreichen Geschichte. Dieses Risiko tragen nicht nur Entwickler, Unternehmer und Regierungen, sondern auch jeder, der routinemäßig akademische, praktische, künstlerische und emotionale Gehirnaktivität nahezu vollends an die KI delegiert und sich infolgedessen der geistigen Verkümmerung verschreibt.

All das führt uns zu einer letzten Frage: Ist es wirklich erstrebenswert, den Eloi in uns füttern?

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