PS 5: Finsternis des Mittelalters, Finsternis der Gegenwart

Das Mittelalter war eine Zeit von Folter und Fanatismus, von Siechtum in schmutzigen Städten, von Wegelagerern, Fehden und Rechtlosigkeit, von Analphabetismus, Hungersnöten und Chaos. Das Mittelalter war also finster, heißt es.

Auch wenn die Geschichtswissenschaft und andere Disziplinen mittlerweile ein differenzierteres Bild vom Zeitraum zwischen dem Ende der Antike und dem Beginn der Neuzeit zeichnen, beherrscht der Topos des finsteren Mittelalters nach wie vor die öffentliche Wahrnehmung. Auf eine kulturelle Blüte in der griechischen und römischen Antike mit ihren Bibliotheken, philosophischen Schulen, Erfindungen, Kunstwerken und protodemokratischen Institutionen folgt in der gängigen Lehre eine Zeit der geistigen und institutionellen Verödung und der körperlichen Leiden, ehe der menschliche Geist, die Wissenschaften und das politische Bewusstsein ab der Renaissance wiederauferstehen.

Dies ist ein einfaches und daher attraktives Modell. Es ist jedoch nicht nur unzutreffend, sondern birgt auch nicht zu unterschätzende Konsequenzen für die Wahrnehmung von Vergangenheit und Zukunft.

 

Wann und wo war das Mittelalter?

 

Der Begriff Mittelalter basiert auf einer willkürlichen Grenzziehung. Diese Grenzziehung ist seit Jahrhunderten ein akademischer Zankapfel. Hat das Mittelalter nun mit der Teilung des Römischen Reichs 395, dem Ende Westroms 476 oder mit einem ganz anderen Ereignis begonnen? Und endet es mit der italienischen Renaissance, dem Buchdruck, der Entdeckung Amerikas 1492 oder gar zu einem späteren Zeitpunkt?

Geografisch ist man sich weitgehend einig, dass der Begriff Mittelalter vor allem das christliche Europa bezeichnet. Allerdings sind die Begegnungsorte mit anderen Kulturen so zahlreich, dass diese teilweise mit in den Geltungsbereich hineingenommen werden. Dazu zählen das Schwellenreich Byzanz, die Mongolenreiche, die islamischen Emirate und Kalifate von Spanien über Nordafrika bis Persien, das Osmanische Reich und über Umwege sogar Indien und China, das sowohl christliche Missionare und Gelehrte als auch Handlungsreisende wie Marco Polo empfing.

Berücksichtigt man diese Punkte, eignet sich Mittelalter als Bezeichnung für einen Zeitraum zwischen dem sechsten und dem fünfzehnten Jahrhundert und bezieht sich in der Hauptsache geografisch auf Europa und kulturell auf die katholisch-orthodoxe Welt. Durch den mittelbaren und unmittelbaren Kontakt mit dem christlichen Europa kann es jedoch auch andere Regionen umfassen, ohne dass sich das charakteristische Mittelalter dort finden lässt.

Derweil ist das charakteristische Mittelalter ohnehin nicht viel mehr als eine Fiktion, die bestimmte Aspekte des Zeitraums eher beachtet als andere. So verhält es sich auch mit dem Konzept des finsteren Mittelalters. Dieses beruht auf einer nicht unrichtigen, aber tendenziösen Stückelung der Geschichte. Eine Betrachtung dreier Dimensionen kann dies klarstellen.

 

Dimension 1: Bildung und Literatur

 

Häufig attestiert man dem Mittelalter einen Rückgang von Bildung und Kunst. Schon die römische Spätantike und das byzantinische Reich gelten seit langem als bloße Nachahmer der klassischen Größe, so zum Beispiel bei Edward Gibbon, dem Verfasser der epochalen History of the Decline and Fall of the Roman Empire. Mit dem Christentum, der Dekadenz und dem Einfall barbarischer Horden seien die Kreativität, Originalität, Gelehrsamkeit und Zivilisation der klassischen Antike verschüttgegangen.

Tatsächlich sank die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben in Italien im Frühmittelalter wohl gravierend. Dieser Einbruch der Literalität galt und gilt nicht zu Unrecht als Zeichen für einen Schwund an Kultur und Bildung in der breiten Masse. Darüber hinaus wurden, nicht zuletzt aus religiösen Gründen, altehrwürdige Bildungs- und Forschungseinrichtungen der Antike geschlossen. So ordnete der Byzanzkaiser Justinian beispielsweise 529 die Schließung der platonischen Akademie in Athen an.

Andere Regionen Europas wurden durch die Verbreitung des Christentums und seiner Schriften jedoch überhaupt zum ersten Mal mit Schriftkultur in Kontakt gebracht. Im Lauf des Frühmittelalters erreichten Schriftstücke über die religiöse Praxis Gebiete wie Norddeutschland, Schottland, Skandinavien oder Russland. Klöster breiteten sich aus und brachten eine Weitergabe von Kopien von und Kommentaren zu religiösen und profanen Texten mit sich. Auch wenn also die Literalität in den vormaligen Blüteregionen am Mittelmeer abnahm, stieg die Literalität in Gesamteuropa im Mittelalter vermutlich sukzessive.

In Hoch- und Spätmittelalter erlaubte die gestiegene Literalität dann eine Verschriftlichung alter Sagen, von höfischer Epik und Balladen. Hiermit wurden nicht nur neue literarische Werke geschaffen, sondern Volkserzählungen und kulturelle Besonderheiten für die Nachwelt konserviert. Gleichzeitig kurbelte die Wiederentdeckung antiker Texte die Geistestätigkeit an. In der Scholastik erwachte so die aristotelische Philosophie nach einem Transfer aus der islamischen Welt bei Denkern wie Albertus Magnus oder Thomas von Aquin wieder zum Leben. Systematisches Philosophieren breitete sich über den ganzen Kontinent aus und die ersten Universitäten wurden in Bologna, Paris und Oxford gegründet.

Währenddessen schuf man in der islamischen Welt mit den Madrasas Bildungseinrichtungen für die Vermittlung und die Verfeinerung der islamischen Lehre, die nicht nur der Elite offenstanden. Die Schriftkulturen von Byzanz, Indien und China florierten weiterhin, trotz geringfügiger Rückschläge wie zum Beispiel die kurzzeitige Abschaffung des Prüfungssystems während der mongolischen Yuan-Dynastie des 13. und 14. Jahrhunderts. Vom Nutzen für seine Ambitionen überzeugt, hatte selbst der nomadische Dschingis Khan ein Jahrhundert zuvor ein mongolisches Alphabet eingeführt, das zwar nicht von der breiten Bevölkerung, so aber immerhin von der mongolischen Elite erlernt wurde. Daneben bezeugen die Tausendundeine Nacht, Sufi-Dichtung und Klassiker wie Die Geschichte der Drei Reiche von Luo Guanzhong die literarische Produktivität nicht-europäischer Kulturen zur Zeit des Mittelalters.

 

Dimension 2: Recht und Organisation

 

Im mittelalterlichen Europa zerfielen die Ordnungsstrukturen des Römischen Kaiserreichs. Unter dem Einfluss der wandernden Germanen kam es beinahe überall zur Ausbildung des Lehnswesens, das eine weniger stark institutionalisierte und kodifizierte Ordnung mit sich brachte. Nicht zuletzt bedingt durch das Vorbild römischer Kaiser errichtete man größere Reiche mit einer vertikalen Ausdifferenzierung der Autorität, die zumindest theoretisch im König gipfelte. Neben diese weltliche gesellte sich durch die allmähliche Konsolidierung der Westkirche als Beherrscherin der religiösen Belange West- und Mitteleuropas eine grenzüberschreitende Organisationsquelle, welche die betreffenden Regionen im Geist enger miteinander verband, als es die zivil-militärische Beherrschung durch das Römische Reich vollbracht hatte.

Trotzdem fasst man vor allem das Frühmittelalter als Zeitraum zerfallender Organisationsstrukturen auf. Diese Auffassung stützen allen voran der Verlust administrativer Komplexität, eine infrastrukturelle Verwahrlosung, z.B. von Straßen, und ein Abnehmen der Urbanität. Letzteres betraf am stärksten Italien, das einstige Kernland des Römischen Reiches. Schon im Verlauf des Frühmittelalters erwuchsen jedoch in ganz Europa neue Städte. In Norditalien und in den deutschen Fürstentümern entwickelten diese Städte aristokratisch-demokratische Mischformen und ein ausgesprochenes Selbstbewusstsein gegenüber den weltlichen und kirchlichen Herren.

In die Leerstelle des Römischen Rechts traten im Westen noch in der Spätantike neue schriftlich fixierte Rechtswerke wie die Lex Salica, die Teile des Gewohnheitsrechts germanischer Stämme kompilierte und damit normierte. Zwar standen diese Rechtswerke den Römischen Vorläufern in der Abstraktion, Dichte und praktischen Stringenz nach, doch sie bildeten gemeinsam mit dem Römischen Recht die Grundlage für spätere Entwicklungen. Im Jahr 1215 unterzeichnete der englische König John die Magna Carta, die zunächst nur Adligen, später allen freien Bürgern zumindest in der Theorie verschiedene Rechte zugestand, sie somit in einigen Hinsichten gleichstellte und vor Tyrannei beschützte. Dieses Dokument sollte schließlich noch die Bill of Rights 1689 sowie die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung inspirieren, die auch durch königliche Autorität unantastbare, „unveräußerliche Rechte“ enthielt.

Bei alldem waren viele einfache Menschen in der Praxis nur schlecht gegen Missbrauch und Willkür abgesichert. Vielfach galten sie wie Leibeigene und Sklaven als Eigentum ihrer Herren. Bestimmte Personengruppen konnten jedoch durchaus größere Freiheit aufweisen als ihre antiken Pendants. So war beispielsweise eine hochmittelalterliche Städterin insgesamt unabhängiger als eine Bürgerin in einer Stadt des Römischen Reichs, insbesondere in wirtschaftlichen Belangen.

Im Westen zunächst nahezu unbedeutend, wurde das Römische Recht in Byzanz weiterhin gepflegt, beispielsweise durch den Codex Justinianus, eine Sammlung bestehender Gesetze. In China bauten die Dynastien der Tang, Song und Ming auf einem umfangreichen Gesetzeskorpus der Han-Dynastie auf. Im Rückgriff auf den Koran und den Hadith entwarf die islamische Welt ihre eigenen Rechtsvorstellungen in Scharia, göttlichem Recht, und Fiqh, menschlicher Auslegung.

Im Gegensatz zu europäischen Königreichen und Fürstentümern fußten sowohl die islamischen Reiche als auch Byzanz und China auf komplexen administrativen Systemen. Im Zuge der islamischen Expansion wurden Städte wie Granada, Kairo oder Baghdad zu großen Ballungszentren mit bis zu einer Million Einwohnern. Und als die Mongolen im 13. Jahrhundert ein Weltreich eroberten, das im Osten China beinhaltete und im Westen bis nach Europa reichte, pries Marco Polo wiederholt dessen immenses Ausmaß und Organisation unter Kublai Khan in seinem Reisebericht Il Milione.

 

Dimension 3: Gesundheit und Grausamkeit

 

Hygiene und Medizin waren im mittelalterlichen Europa weit von den Standards Roms und Griechenlands entfernt. Im Zuge der Christianisierung und der Loslösung von Rom ging ein großer Teil des antiken Wissens um Medizin und Stadtplanung verloren. Andernorts fasste es gar nicht erst Fuß. Daher verfügten die Städte in Frankreich, England, Skandinavien und dem Heiligen Römischen Reich, aber auch im ehemals fortschrittlichen Italien weder über ausreichende Abwasseranlagen noch über genügend Zwischenräume oder bewährte medizinische Einrichtungen. Krankheiten wie Cholera und Pest konnten grassieren und hygienische Missstände schwächten die Grundgesundheit.

Anderswo blühte die medizinische Lehre jedoch auf. Beeinflusst von antiken Quellen entwickelte die islamische Welt eine reiche Bade- und Heiltradition, während in Indien und China traditionelle Heilmethoden und Städtebaukunst kleinere Brüche in der Geschichte überstanden. Auch hier wirkte die aufgrund dichter verflochtener Handelsbeziehungen zwischen Europa, Asien und Afrika pandemisch wütende Schwarze Pest verheerend, doch nicht im selben Ausmaß wie in Europa.

Das Mittelalter wird darüber hinaus gerne der schaurigen Grausamkeit angeklagt. Zweifelsohne sind die vielfältigen Foltermethoden und Hinrichtungsarten wie das Rädern oder die Vierteilung Beispiele für rohe und brutale Praktiken. Anschaulich sind auch die Worte eines Chronisten wie Raimund von Aguilers, der voll rechtschaffener Freude berichtete, die Kreuzfahrer hätten während des ersten Kreuzzugs in Jerusalem bis zu den Sätteln ihrer Pferde in Blut gestanden. Eine zumindest punktuelle Grausamkeit der Sitten ist insgesamt gut belegt.

Kann sich die mediterrane Antike von derlei Gräueln freisprechen? Man mag ein wenig polemisch ausrufen: Wie sehr schillert gegen die mittelalterliche Rohigkeit das noble Schicksal eines Thebaners, der mit seiner Familie auf Geheiß des großen Alexander in seiner Stadt niedergebrannt wurde! Wie zivilisiert fand wohl der Gladiator das Schauspiel im Amphitheater, während ihn ausgehungerte Raubkatzen vor jubelnden Massen bei lebendigem Leib zerfleischten! Welch Verzückung über die antike griechische und römische Kultur mag sie wohl überwältigt haben!

Es sollte auch nicht vergessen, dass die Scheiterhaufen der Inquisition gerade an der Schwelle zur Neuzeit am feurigsten loderten, da Dante die Göttliche Komödie verfasste, Da Vinci Flugmaschinen zeichnete, Kopernikus das heliozentrische Weltbild untermauerte und Luther Missstände in der Kirche anprangerte. Und was später das 20. Jahrhundert an Grausamkeit vorweisen sollte, hätte noch den emsigsten mittelalterlichen Folterknecht in Ekstase versetzt.

 

Die Blackbox

 

Der kurzen Diskussion dieser Dimensionen zufolge war das Mittelalter weit mehr als nur finster. Das Label Finsteres Mittelalter hat sich dennoch seit Renaissance und Aufklärung bis heute gehalten.

Ursprünglich diente es frühneuzeitlichen Denkern, Wissenschaftlern und Künstlern wie Petrarca dazu, sich von der anhaltenden Rückständigkeit ihrer eigenen Zeit abzugrenzen. Da sie die wiederentdeckte Erhabenheit der griechischen und römischen Antike verherrlichten, fühlten sich viele kreative und wissenschaftliche Köpfe in Renaissance und Aufklärung verpflichtet, alles zwischen dem Alten und dem Neuen zu schmähen.

Sie versuchten, die Fäden von Antike und Moderne zu einer Erfolgsgeschichte des Fortschritts zu verknüpfen. Ironischerweise beraubten sie allerdings, indem sie das Mittelalter verteufelten, den Fortschritt seiner Kerneigenschaft: der stetigen Entwicklung. Dabei ließen sie außer Acht, dass ihr selbsterklärtes Fortschrittszeitalter notwendigerweise aus dem finsteren Mittelalter als Zwischenperiode hervorgegangen war. Auf diese Art wurde das Mittelalter zu einer Blackbox, da die Moderne als direkter Nachfolger der antiken Größe stilisiert wurde.

Das Etikett des finsteren Mittelalters fußt also auf einer willentlichen Perspektivverengung. Man beißt sich vor allem am gräkorömischen Raum fest, sieht über die Brutalität von Antike und Neuzeit hinweg und pflegt ein Geschichtsbild, das sich auf die Unzulänglichkeiten der christlich-europäischen Regionen kapriziert. Im Vergleich mit solchen früherer und späterer Zeiträume fallen die schärfsten Beispiele für geistigen Verfall und Grausamkeit im Mittelalter nicht weiter negativ auf.

Ebenso wenig ist eine technologische und wissenschaftliche Rückständigkeit gegenüber der Antike globalgeschichtlich haltbar. Berücksichtigt man neben Europa auch Asien und Afrika, ergaben sich während des Zeitraums eine gestiegene Alphabetisierung der Gesamtmenschheit, dichtere Handelsnetze, mehr Urbanität, neue und überarbeitete Rechtskodizes, wissenschaftliche Durchbrüche, innovative Kunstwerke und Technologien und andere zivilisatorische Fortschrittsleistungen.

Derart eingeordnet, ist das Mittelalter mit all seinen Abscheulichkeiten und Schwächen kein Rückschritt gegenüber der Antike, sondern ein mehrdeutiger Mittelabschnitt auf einem Zeitstrahl, der an seiner Spitze von den Errungenschaften der Antike zu den Errungenschaften der Moderne führt.

 

Fortschritt in der Finsternis

 

Das Mittelalter pauschal als finsteres Zeitalter abzutun, zeigt eine ebenso falsche wie problematische Denkart. Dies würde bedeuten, dass Fortschritt keine tatsächliche Größe in der Geschichte ist und menschliche Höchst- und Tiefstleistungen ungeordnet durch die Jahrtausende schwappen, ohne greifbare Entwicklungen herbeizuführen. Eine derartige Sichtweise ist gesamtgeschichtlich nicht plausibel.

Fehlt jedoch der Glaube an einen Fortschritt, den die bisherige Geschichte trotz ihrer Verwerfungen eigentlich nähren müsste, kann die Menschheit auch keine gemeinsamen Ziele verfolgen. Solche aber sind angesichts heutiger und kommender Herausforderungen unabdingbar.

Gesellschaftliche Spaltungen, eine Krise der Demokratie, Angriffe auf das Konzept der Wahrheit, Territorialkriege, Staatsterrorismus, Verherrlichung von Autoritarismus, Unfreiheit und starken Männern, Kulturkämpfe, politische Gewalt, Klimawandel. Die einkriechende Finsternis unserer Zeit ist unzweifelhaft, aber sie muss nicht ihr Vermächtnis sein.

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